31. Okt 2011   Recht

Jedes zweite österreichische Unternehmen aktuell von Kriminalität betroffen, so PwC

Bussmann, Salvenmoser ©PwC / A. Rauchenberger

Wien. Wirtschaftskriminalität ist in Österreich im Steigen begriffen, so die Experten des Beratungsunternehmens PwC: „Beinahe täglich kommen neue Hinweise, verdächtige Vorgänge und konkrete Fälle ans Tageslicht.“ Laut der PwC-Studie „Wirtschaftskriminalität 2011 – Sicherheitslage in österreichischen Unternehmen“ nehmen Schadensfälle sichtbar zu.

Nahezu jedes zweite Unternehmen (47 Prozent) hatte in den letzten zwei Jahren mindestens einen Gesetzesverstoß hinzunehmen, heißt es. Vor diesem Hintergrund entwickle sich Compliance immer mehr zum Wettbewerbsvorteil.

Zu diesem Ergebnis komme die PwC-Analyse über Risiken von Wirtschaftskriminalität für heimische Unternehmen. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durchgeführt.

Die Zunahme aufgedeckter Fälle führt die PwC-Studie auf eine steigende Aufdeckungsrate zurück. Das Problembewusstsein habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Immer mehr Unternehmen haben Maßnahmen zur Kontrolle und Prävention umgesetzt, um sich auf mögliche Angriffe vorzubereiten. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einem Kontrollparadoxon: Denn die Wahrscheinlichkeit, konkrete Fälle von Wirtschaftskriminalität zu entdecken, hängt sehr stark von den Rahmenbedingungen ab. Umso höher die Kontrollintensität und das Problembewusstsein in einem Unternehmen sind, desto mehr Straftaten kommen ans Tageslicht, heißt es.

Warnung an die Täter

„Wer sich heutzutage durch kriminelle oder ethische zweifelhafte Vorgehensweisen einen Vorteil verschaffen will, sollte sich das doppelt gut überlegen. Zum einen hat sich ein gewisses Problembewusstsein etabliert: Öffentlichkeit, Nicht-Regierungsorganisationen und Strafjustiz reagieren immer sensibler auf verdächtige Prozesse. Zudem ist es für bestehende Kundenbeziehung schädlich und verschlechtert die Handlungsposition massiv“, erklärt Steffen Salvenmoser, Certified Fraud Examiner und Leiter Forensic Services bei PwC Österreich.

Entwicklung der Wirtschaftskriminalität in Österreich seit 2001 ©PwC

Erstmals wurde in der Studie nicht nur nach eindeutigen Fällen von Wirtschaftskriminalität gefragt, sondern auch nach konkreten Verdachtsfällen. 59% der Unternehmen berichteten über mindestens einen Verdachtsfall krimineller Vorgänge in ihrer Organisation.

Die Untersuchung erfasst nur tatsächlich von Unternehmen bemerkte und auch berichtete Delikte. Die Dunkelziffer dürfte demnach noch höher ausfallen. „Wenn man über die entdeckten Straftaten hinaus auch das ‚Dunkelfeld’ der Delikte zu erhellen versucht, die von Unternehmen lediglich vermutet wurden, steigt der Anteil der von Kriminalität betroffenen Unternehmen deutlich. Statt der 47%, die über entdeckte Fälle berichten, sind bei Berücksichtigung der Verdachtsfälle in den Jahren von 2009 bis 2011 dann 65% der befragten Unternehmen betrof­fen“, erläutert Prof. Kai Bussmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Tendenz steigend

Die Risikoeinschätzung sei schockierend, geben sich die Experten in einer Aussendung von PwC alarmiert: Beinahe jedes dritte Unternehmen gehe davon aus, dass Korruption und wettbewerbswidrige Absprachen in Österreich künftig noch häufiger auftreten. Jedes vierte Unternehmen vermute bei Diebstahl vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten ein hohes Risikopotential.

Korruption in Österreich © PwC

Im Durchschnitt befürchten Unternehmen durch Wirtschaftskriminalität Schäden in Höhe von 1,90 Millionen Euro. 5% der Unternehmen berichteten über Schäden, die sich sogar auf 10 bis 50 Millionen Euro belaufen. Hier sind die Kosten für die Aufarbeitung des Falles, welche durchschnittlich rund 260.000 Euro betragen, noch nicht abgedeckt.

Doch damit nicht genug: Unkalkulierbare Schäden durch die hohe Sensibilität der Öffentlichkeit verbunden mit den Sanktionen seitens der Strafjustiz ziehen für betroffene Unternehmen erhebliche Reputationsschäden nach sich, heißt es. Für 38% der börsennotierten Unternehmen hatte ein Kriminalfall zudem einen massiven Kurseinbruch zur Folge. Noch ernster ist die Situation für nicht so große Firmen: Für mittelständische Unternehmen können finanzielle Schäden dieser Größenordnung rasch existenzbedrohende Dimensionen annehmen.

Täterprofile und Motive

Der typische Wirtschaftskriminelle ist kein Unbekannter, das belegt einmal mehr auch die vorliegende PwC-Studie: Bei über zwei Drittel der Fälle waren Täter aus dem eigenen Haus zumindest beteiligt. Von den Haupttätern kamen 42% aus der eigenen Firma.

Beziehung der Täter zum geschädigten Unternehmen ©PwC

Bei den externen Tätern wurden die Taten in der Mehrheit der Fälle von Geschäftspartnern (50%) oder Kunden (29%) begangen. Dennoch hat nur jedes zweite Unternehmen (51%) ein Kunden- bzw. Geschäftsmonitoring, um sich vor kriminellen Vorgängen aus dem externen Bereich zu schützen.

In den letzten Jahren hat in Österreichs Wirtschaftskreisen ein massives Umdenken stattgefunden: Während 2007 lediglich 21% der Unternehmen angaben, ein Anti-Korruptionsprogramm eingeführt zu haben, gibt dies heute mehr als die Hälfte (53%) an. Viele befinden sich jedoch erst in der Aufbauphase und installieren in ihrer Organisation ein Anti-Korruptionsprogramm – bei lediglich 15% funktioniert dieses bereits.

Compliance als Wettbewerbsvorteil oder Nachteil ©PwC

Unternehmen haben begonnen, durch umfassende Compliance-Programme nicht nur Korruption zu bekämpfen, sondern auch vielfältige andere Formen von Wirtschaftskriminalität wie etwa Wettbewerbsdelikte, Vermögensdelikte oder Falschbilanzierung. Diese Programme dienen primär der Prävention gegen Wirtschaftskriminalität, indem sie beispielsweise in Schulungen sensibilisieren und Verhaltensrichtlinien geben. Gesetzliche Regelungen sollen so von Mitarbeitern im Unternehmen eingehalten werden. Fast jedes zweite Unternehmen (46%) hat diese Maßnahme umgesetzt; davon sind die meisten international tätig und börsennotiert.

Compliance als Wettbewerbsvorteil

Nach wie vor besagt die herrschende Meinung, dass Nachteile eintreten, wenn sich andere Unternehmen nicht an die Regeln halten, so die Aussendung. Mit steigendem Problembewusstsein und der zunehmenden Verbreitung von Compliance-Programmen treffe diese Auffassung immer weniger zu: Unternehmen haben begonnen, Integrität als Wettbewerbsvorteil für sich zu sehen und sogar damit zu werben.

In Form von sozialer Anerkennung beginne der Markt zunehmend, das Engagement in diesem Bereich zu belohnen, sodass sich Compliance-Maßnahmen für Unternehmen immer mehr auszahlen.

Link: PwC

 

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