Dritte Piste für Flughafen Wien: Tauziehen der Anwälte

Air­port ©Flug­ha­fen Wien AG

Wien. Die geplan­te drit­te Pis­te des Flug­ha­fens Wien darf nicht gebaut wer­den, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­den. Auf Sei­ten der Geg­ner waren u.a. die Kanz­lei PFR sowie Fell­ner Wratz­feld & Part­ner (fwp) aktiv: Letz­te­re sowohl für einen NÖ-Großgrundbesitzer wie die rot-grün regier­te Stadt Wien. Die Bau-Befürworter Air­port und Land NÖ haben die Groß­kanz­lei Schön­herr zur Sei­te: Nun wol­len sie beru­fen.

Aus Sicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­rich­tes (BVwG) steht die hohe CO2-Belastung den posi­ti­ven Aspek­ten der drit­ten Pis­te am Air­port Wien-Schwechat zu sehr ent­ge­gen – das vor 10 Jah­ren ein­ge­reich­te Pro­jekt ist für das BVwG nicht geneh­mi­gungs­fä­hig (W109 2000179-1/291E).

Die Geg­ner jubeln jetzt, doch die Befür­wor­ter wol­len es nicht ein­fach hin­neh­men: Laut dem schei­den­den nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­haupt­mann Erwin Pröll wer­de das Land gegen die Ent­schei­dung sowohl den Verwaltungs- wie den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof anru­fen. Auch der Flug­ha­fen ver­spricht sich nach wie vor eini­ges von sei­nem Bau­pro­jekt.

Sowohl die Flug­ha­fen Wien AG wie das Land Nie­der­ös­ter­reich wur­den bis­her von Wirt­schafts­kanz­lei Schön­herr, kon­kret ihrem Part­ner Chris­ti­an Schmelz und sei­nem Team ver­tre­ten. Schmelz ist u.a. spe­zia­li­siert auf regu­la­to­ri­sche The­men, Umwelt- und Ener­gie­recht.

Ein Weg, die Ent­schei­dung zu bekämp­fen, ist eine außer­or­dent­li­che Revi­si­on an den VwGH: Dazu muss es aller­dings um eine Rechts­fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung gehen, was das Höchst­ge­richt – und nicht Geg­ner oder Befür­wor­ter der 3. Pis­te – zu ent­schei­den hat.

Auch der Weg zu den Höchst­ge­rich­ten wird mit Schön­herr ange­tre­ten, aller­dings zwei­ge­teilt: Wäh­rend sich die nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­re­gie­rung als mit­be­tei­li­ge Behör­de selbst ver­tre­ten dürf­te, bleibt das Land als Mit­an­trag­stel­le­rin hin­sicht­li­ch Ver­le­gung der Lan­des­stra­ße B10 (Teil des Pisten-Verfahrens) wei­ter­hin ein Schönherr-Klient, eben­so wie – unver­än­dert – die Flug­ha­fen Wien AG.

Neben dem Team von Schmelz bei Schön­herr und den Lan­des­be­am­ten sind außer­dem Airport-Rechtschef Wolf­gang Köberl mit einem Flughafen-internen Bera­tungs­team und der bekann­te Ver­fas­sungs­recht­ler und eme­ri­tier­te Univ.-Prof. Bern­hard Raschau­er mit dem The­ma befasst.

Die Befür­wor­ter pochen dar­auf, dass die drit­te Pis­te gebaut wer­den soll: Es gebe dafür – wie auch vom BVwG fest­ge­stellt – einen Bedarf. Ein all­ge­mei­nes Pla­nungs­ge­setz, wie es der öster­rei­chi­schen CO2-Strategie zugrun­de­liegt (Kli­ma­schutz­ge­setz), kön­ne einem Ein­zel­pro­jekt nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, heißt es außer­dem: Hier tun sich dem­nach Grund­satz­fra­gen auf.

Aufmarsch der Befürworter

Ob grund­sätz­li­ch oder nicht, bri­sant ist die drit­te Pis­te jeden­falls. So kom­men seit der Urteils­ver­kün­dung poli­ti­sche Unter­stüt­zungs­er­klä­run­gen für das Groß­pro­jekt sowohl von Wirt­schaft wie Gewerk­schaf­ten.

Man­che Kri­ti­ker hal­ten dabei auch mit recht hef­ti­gen Vor­wür­fen an die Jus­tiz bzw. die Pro­jekt­geg­ner nicht hin­ter dem Berg: Behaup­tet wird etwa, dass die Ent­schei­dung will­kür­li­ch sei; ein­zel­nen Rich­tern wird Par­tei­lich­keit unter­stellt, die Zukunft des Wirt­schafts­stand­orts Öster­reich sei gefähr­det, vie­le poten­zi­el­le Arbeits­plät­ze der Zukunft ste­hen auf der Kip­pe, den Grund­be­sit­zern gehe es in Wahr­heit nur um höhe­re Kauf­prei­se für ihre Grund­stü­cke und der­glei­chen mehr.

Die Geg­ner des Pro­jekts sehen den Gerichts­ent­scheid dage­gen als Chan­ce. So zeigt sich Johan­nes Wahl­mül­ler, Klima- und Ener­gie­spre­cher der Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Glo­bal 2000, „ent­setzt über die ein­sei­ti­gen Bewer­tun­gen“ des BVwG-Urteils. Das Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts gebe Öster­reich jetzt die Mög­lich­keit, Arbeits­plät­ze in nach­hal­ti­gen Trans­port­zwei­gen zu schaf­fen, statt weiter auf wach­sen­den Flug­ver­kehr usw. zu set­zen.

Die Kontrahenten und ihre Vertreter

Unmit­tel­ba­re Geg­ner der 3. Pis­te vor Gericht waren u.a. Anrai­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen und Umwelt­schüt­zer, etwa die „AFLG Anti­flug­lärm­ge­mein­schaft“ und die „Par­tei­un­ab­hän­gi­ge Bür­ger­initia­ti­ve gegen Flug­lärm und umwelt­schäd­li­che Emis­sio­nen“: Für letz­te­re bei­den (sowie Pri­vat­per­so­nen) ist Prok­sch & Fritz­sche Frank Fletz­ber­ger Rechts­an­wäl­te (PFR) tätig.

Kanz­lei PFR mit ihren Anwäl­ten Wolf­ram Prok­sch, Tho­mas Fritz­sche, Chris­ti­an Frank und Bernd Fletz­ber­ger ist nicht gera­de ein Unbe­kann­ter bei Ver­fah­ren vom Typus David vs. Goli­a­th: Sie ver­tritt unter ande­rem Jurist Max Schrems bzw. sei­ne Initia­ti­ve Europe-vs-Facebook in sei­ner Sam­mel­kla­ge gegen den Soci­al Media-Giganten Face­book. Die „Bür­ger­initia­ti­ve gegen Flug­lärm in Wien West“ wie­der­um wird durch Heger & Part­ner Rechts­an­wäl­te ver­tre­ten.

Auch Groß­grund­be­sit­zer sind als Beschwer­de­füh­rer aktiv, ins­be­son­de­re Diet­rich Busch­mann. Sei­ner Buschmann’schen Guts­ver­wal­tung gehört angeb­li­ch ein beträcht­li­cher Teil der Grund­stü­cke, die für den Bau der Pis­te benö­tigt wer­den; sie hat mit Fell­ner Wratz­feld & Part­ner (fwp) eine gro­ße Wie­ner Wirt­schafts­kanz­lei zur Sei­te. Doch die Sozie­tät fwp ist in die­ser Cau­sa nicht nur für Groß­agra­rier aktiv.

Pikan­ter­wei­se ver­tritt fwp näm­li­ch auch die Stadt Wien unter SPÖ-Bürgermeister Micha­el Häu­pl in dem Ver­fah­ren: Die Stadt Wien trat zwar bis­her öffent­li­ch stets als Befür­wor­ter der 3. Pis­te auf, wird aber bekannt­li­ch von einer rot-grünen Koali­ti­on regiert – und vor allem: Ihre Bevöl­ke­rung ist sehr stark vom The­ma Flug­lärm tan­giert.

Dass die Stadt Wien in dem BVwG-Verfahren auf Sei­ten der Beschwer­de­füh­rer ein­ge­reiht war, dürf­te damit zusam­men­hän­gen dass das Rat­haus durch Adap­tie­run­gen die Flug­lärm­be­las­tung mini­mie­ren und nicht not­wen­di­ger­wei­se das Bau­vor­ha­ben kom­plett kip­pen woll­te.

Die Sicht des Gerichts

Und die Ent­schei­dung selbst? Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat den Antrag zur Errich­tung und zum Betrieb der geplan­ten drit­ten Start- und Lan­de­bahn am Flug­ha­fen Wien-Schwechat nach fol­gen­den Schrit­ten abge­wie­sen, heißt es in der Mit­tei­lung des Gerichts: Die Ermitt­lungs­er­geb­nis­se der Behör­den­ent­schei­dung des vor zehn Jah­ren ein­ge­reich­ten Pro­jek­tes wur­den im Zuge des Beschwer­de­ver­fah­rens durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt einer neu­er­li­chen umfas­sen­den Über­prü­fung unter Bei­zie­hung von Sach­ver­stän­di­gen unter­zo­gen, heißt es.

Der zustän­di­ge Senat, bestehend aus drei Rich­tern, habe nach detail­lier­ter Prü­fung und Abwä­gung der öffent­li­chen Inter­es­sen ent­schie­den, dass das öffent­li­che Inter­es­se am Schutz vor den nega­ti­ven Fol­gen des Kli­ma­wan­dels, ins­be­son­de­re durch die hohe CO2-Belastung, höher zu bewer­ten ist als die posi­ti­ven öffent­li­chen (stand­ort­po­li­ti­schen und arbeits­markt­po­li­ti­schen) Inter­es­sen an der Ver­wirk­li­chung des Vor­ha­bens samt zusätz­li­chem Bedarf.

Durch den Bau der drit­ten Pis­te am Flug­ha­fen Wien-Schwechat und dem damit erhöh­ten Flug­ver­kehr wür­den die Treib­haus­gas­emis­sio­nen Öster­reichs deut­li­ch anstei­gen. Dies erge­be sich unter Berück­sich­ti­gung der Emis­sio­nen beim Start- und Lan­de­vor­gang sowie dem Treib­haus­gas­aus­stoß nach Errei­chen der Flug­hö­he. Aus Sicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­rich­tes ist die­se hohe zusätz­li­che CO2-Belastung gegen­über den posi­ti­ven Aspek­ten des Vor­ha­bens nicht zu recht­fer­ti­gen.

Die Entscheidung

Der Rich­ter­se­nat setz­te sich mit Beschwer­den von ins­ge­samt 28 unter­schied­li­chen Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rern aus­ein­an­der (Pri­vat­per­so­nen, Bür­ger­initia­ti­ven sowie der Stadt Wien) und prüf­te die ver­schie­de­nen stand­ort­po­li­ti­schen und arbeits­markt­po­li­ti­schen Aspek­te, den Bedarf auf­grund der stei­gen­den Flug­be­we­gun­gen sowie die Fra­ge der Flug­si­cher­heit im Rah­men des Beschwer­de­ver­fah­rens, so das Gericht.

Es wur­de eine drei­tä­gi­ge münd­li­che Ver­hand­lung durch­ge­führt und ins­ge­samt sie­ben Sachverständigen-Gutachten (Luft­schad­stof­fe, Lärm­schutz, Vogel­kun­de, Umwelt­hy­gie­ne, Ver­kehrs­pla­nung, Treib­haus­gas­emis­sio­nen und Bedarfs­pla­nung) in Auf­trag gege­ben.

Mit­be­rück­sich­tigt wur­den bei die­ser Ent­schei­dung, dass die Grundrechte-Charta der Euro­päi­schen Uni­on, die öster­rei­chi­sche Bun­des­ver­fas­sung und die nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­ver­fas­sung dem Umwelt­schutz und ins­be­son­de­re dem Kli­ma­schutz einen hohen Stel­len­wert ein­räu­men und Öster­reich sich inter­na­tio­nal und natio­nal zur Reduk­ti­on der Treib­haus­gas­emis­sio­nen ver­pflich­tet sowie im Rah­men des Kli­ma­schutz­ge­set­zes sek­to­ra­le Emis­si­ons­höchst­men­gen bis 2020 fest­ge­legt habe: Die Mög­lich­kei­ten des Flug­ha­fens, den CO2-Ausstoß durch eige­ne Maß­nah­men zu ver­rin­gern (wie etwa die Instal­la­ti­on von Solar- bzw. Photovoltaik-Anlagen oder etwa die Umstel­lung der Wagen­flot­te auf Elektro-Autos) waren nicht aus­rei­chend.

Grund­sätz­li­che Rechts­fra­gen haben sich in dem Ver­fah­ren nicht gestellt, eine ordent­li­che Revi­si­on wur­de daher nicht zuge­las­sen, so das BVwG.

Die Befür­wor­ter erin­nern dage­gen an die mehr als 20.000 Arbeits­plät­ze im und um den Flug­ha­fen. Nun geht der Rechts­streit also mög­li­cher­wei­se in die Ver­län­ge­rung.

Link: BVwG

Link: Flug­ha­fen Wien (3. Pis­te)

Link: fwp

Link: PFR

Link: Schön­herr