EY bekrittelt Profitabilität von Europas größten Banken

Bankensektor. Europas größte Banken mussten laut EY 2016 einen Gewinnrückgang um 20 Prozent hinnehmen, während die US-Banken den Gewinn um fünf Prozent steigern konnten.

Insgesamt vergrößere sich der Abstand zwischen den Top-Instituten in Europa und den USA:

  • Das Konzernergebnis der zehn größten europäischen Banken lag 2016 bei insgesamt 24,5 Milliarden Euro, die US-Konkurrenten erwirtschafteten hingegen ein Ergebnis von umgerechnet 116,3 Milliarden Euro.
  • Auch beim bilanziellen Eigenkapital verzeichneten die europäischen Banken Einbußen – um drei Prozent auf 824 Milliarden Euro –, während die US-Institute ihr Eigenkapital um sechs Prozent auf umgerechnet 1,15 Billionen Euro steigern konnten.
  • Belastend wirkten sich im vergangenen Jahr die wieder steigenden Strafzahlungen aus: Die zehn größten europäischen Banken mussten gut 9,8 Milliarden Euro an Strafzahlungen leisten – ein Prozent mehr als im Vorjahr. In den USA stieg die Summe sogar um 53 Prozent auf umgerechnet 11,3 Milliarden Euro.

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, bei der die Bilanzen der jeweils nach Bilanzsumme zehn größten Banken in den Vereinigten Staaten und Europa untersucht wurden.

Die Entwicklung in Europa

Der Abstand der US-Banken zu ihren europäischen Wettbewerbern in Sachen Profitabilität hat sich im vergangenen Jahr weiter vergrößert: Die Eigenkapitalrentabilität, der sogenannte Return on Equity (RoE), lag bei den europäischen Top-Banken im vergangenen Jahr bei gerade einmal 3,0 Prozent (Vorjahr: 3,6 Prozent). Die US-Banken erwirtschafteten hingegen wie im Vorjahr einen RoE von 10,1 Prozent.

„Die Rentabilität der europäischen Top-Banken hat sich im vergangenen Jahr verschlechtert, nachdem sie sich in den Vorjahren noch – auf niedrigem Niveau – leicht positiv entwickelt hatte“, sagt Georg von Pföstl, Leiter Financial Services Advisory bei EY Österreich: „Einige große europäische Institute mussten im vergangenen Jahr erhebliche Gewinneinbußen aufgrund von Abschreibungen und Restrukturierungskosten hinnehmen, aber auch im operativen Kerngeschäft läuft es oft nicht rund. Zwar erholt sich die europäische Wirtschaft weiter, dennoch führt der in einigen Ländern nach wie vor hohe Anteil fauler Kredite zu erheblichen Risikovorsorgeaufwendungen.“

Mehrere strukturelle Probleme belasten die europäische Bankenlandschaft, so Pföstl: „Zusätzlich zu den steigenden regulatorischen Kosten sind viele europäische Institute immer noch mit dem Abarbeiten von Altlasten beschäftigt und auch der Umbau der Geschäftsmodelle führt zu anhaltenden Einbußen. Obendrein kämpfen nach wie vor etliche Banken mit einer ungünstigen Kostenstruktur und mit dem historisch niedrigen Zinsniveau – bei vielen Banken erwirtschaftet das Zinsgeschäft kaum noch oder gar keine Gewinne mehr.“

US-Banken so profitabel wie vor der Krise

Anders als in Europa liege in den USA die Profitabilität der Top-Banken wieder etwa auf Vorkrisenniveau: Im Jahr 2007 hatten die US-Großbanken noch einen RoE von 10,8 Prozent erwirtschaftet, im vergangenen Jahr waren es 10,1 Prozent. In Europa liegt der Wert hingegen mit aktuell 3,0 Prozent weiter erheblich unter dem Vorkrisenniveau von 9,2 Prozent.

Den mit Abstand höchsten Nettogewinn unter den US-Banken fuhr mit umgerechnet 23,4 Milliarden Euro JPMorgan Chase ein, den zweiten Platz belegt mit 20,8 Milliarden Euro Wells Fargo. In Europa führt die französische Großbank BNP Paribas mit 7,7 Milliarden Euro die Rangliste der gewinnstärksten Finanzinstitute an. Auf Rang zwei folgt mit 6,2 Milliarden Euro die spanische Banco Santander.

In den kommenden Monaten und Jahren könnte sich der Abstand zwischen den europäischen Banken und ihren US-amerikanischen Wettbewerbern noch vergrößern, so Pföstl: „Die Deregulierungspläne der neuen US-Regierung versprechen niedrigere Regulierungskosten, die geplante Steuerreform könnte zu einer niedrigeren Steuerbelastung führen und der Zinsanstieg in den USA bietet den Banken die Chance auf höhere Einnahmen im Zinsgeschäft.“

In Europa hingegen seien weitere Regulierungsschritte bereits angekündigt, eine kurzfristige und spürbare Erhöhung des Zinsniveaus im Euroraum ist zudem derzeit nicht zu erwarten und die konjunkturelle Situation bessert sich nur langsam. „Die Schere zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Banken wird in diesem Jahr wohl weiter aufgehen“, so Pföstl.

Eine höhere Profitabilität werden viele Banken kurzfristig in erster Linie über Kostensenkungen und über die Erhöhung von Gebühren anstreben: „Auch in den kommenden Jahren werden Sparprogramme – also etwa Filialschließungen und Personalabbau – an der Tagesordnung bleiben“, erwartet Georg von Pföstl. „Zumal die Banken vor der Herausforderung stehen, in einem schwierigen Umfeld erhebliche Investitionen in die digitale Transformation ihres Geschäftsmodells zu tätigen.“

US-Banken sind gut doppelt so viel wert

Auch beim Börsenwert entwickeln sich die europäischen und die US-Institute auseinander: Während die Marktkapitalisierung der Top-10-Banken in Europa im Lauf des vergangenen Jahres um vier Prozent auf 575 Milliarden Euro gesunken ist, legte der Börsenwert der Top-US-Banken um 22 Prozent zu. Alle US-Banken konnten ihren Wert steigern, in Europa gelang dies nur jedem zweiten Institut.

Zum Jahresende waren die zehn größten US-Banken mehr als doppelt so viel wert wie die zehn größten europäischen Institute, nämlich insgesamt umgerechnet 1,27 Billionen US-Dollar. Die europäischen Top-Banken erreichten zusammen nur eine Marktkapitalisierung von 575 Milliarden Euro.

Steigende Strafzahlungen bremsen Gewinnentwicklung

Im vergangenen Jahr stiegen die Strafzahlungen, mit denen Verstöße gegen Börsenregularien und staatliche Wirtschaftssanktionen, manipulierte Devisenkurse und umstrittene Hypothekengeschäfte geahndet wurden, bei den US-amerikanischen und europäischen Banken um knapp ein Viertel auf 21,1 Milliarden Euro. Davon entfielen 11,3 Milliarden Euro auf US-Banken, 9,8 Milliarden Euro auf europäische Banken.

Die höchsten Belastungen mussten im vergangenen Jahr die Deutsche Bank (7,0 Milliarden Euro) und Goldman Sachs (4,7 Milliarden Euro) sowie Morgan Stanley (2,4 Milliarden Euro) hinnehmen.

Nur die Größten werden verglichen

Wichtig zu beachten ist allerdings: Die EY-Studie vergleicht die Top-10 und nicht die Bankbranche diesseits und jenseits des Atlantik insgesamt. So sind in der Rechnung etwa Strafzahlungen von Credit Suisse in Höhe von insgesamt 5,3 Milliarden Euro nicht enthalten, da Credit Suisse nicht zu den größten zehn Banken in Europa zählt.

Link: EY