Regenzauber in Frankfurt: Wann die EZB die Zinsen erhöht

24. Mai 2017   Finanz Management Total-Fi
Martin Hüfner ©hellobank.at / wildbild

Wien. Wann steigen die Zinsen in der Eurozone? Die Europäische Zentralbank will gedrängt werden, meint Ökonom Martin Hüfner. Wenn er recht hat – und vieles spricht dafür – , dann wird in den nächsten Monaten ein merkwürdiges Schauspiel beginnen. 

„Die Zeit der Nullzinsen ist schrecklich“, begann Ökonom Hüfner letzte Woche seinen Vortrag vor Journalisten in der Hello Bank-Filiale in Wien, und sprach damit sowohl Bankern wie Anlegern aus der Seele:

  • Die Welt des Geldes steht Kopf.
  • Sparen lohnt sich nicht mehr.
  • Altersvorsorge wird immer schwieriger.
  • Bei Banken und Versicherern kracht es im Gebälk, ist ihr Geschäftsmodell doch auf das Ausnützen einer gesunden Zinsspanne ausgerichtet.
  • Und welche politischen Folgen eine lange andauernde Phase de facto unverzinster und durch die Inflation langsam ihren Wert verlierender Sparguthaben haben könnte, das will man sich gar nicht erst ausmalen.

Doch glücklicherweise wird die derzeitige Phase historisch niedriger Zinsen nicht so bleiben, denn eigentlich ist alles auf einen Zinsanstieg ausgerichtet, so Hüfner: Der Wirtschaftsaufschwung gewinnt in der Welt ebenso an Kraft wie in der Eurozone. „Eine so breite Erholung – gleichzeitig in den USA, in Europa, in den Emerging Markets, auch in Österreich – hat es schon lange nicht mehr gegeben“, so Hüfner.

Die Arbeitslosigkeit geht zurück, die Gefahr der Deflation sei definitiv vorbei, und in Amerika steigen die Zinsen bereits. Nur eine will nicht – die Europäische Zentralbank (EZB). Dafür gibt es gute Gründe, nicht zuletzt die Sorge um die schwächelnden europäischen Staaten.

Hüfner gesteht auch zu, dass der Zinsanstieg in den USA derzeit noch viel zögernder verläuft als in früheren Zyklen und die Anhebung der Leitzinsen durch die Federal Reserve (Fed) nur zögerlich bei den Marktzinsen ankommt. Doch unterm Strich bleibt die Tatsache: „Die EZB will noch nicht“, so Hüfner.

Niedrige Kernrate

Die Gründe, die für das Zögern der EZB mitverantwortlich sind:

  • Die USA sind im Zyklus voraus, auch was die Zinsen betrifft.
  • Die Kerninflation (sie berücksichtigt Preisänderungen bei Lebensmittel und Energie nicht) ist noch weit vom Inflationsziel von 2% entfernt.
  • Die Arbeitslosigkeit ist noch hoch.
  • Die Verbesserungen an der Konjunkturfront sind möglicherweise vor allem durch die Geldpolitik bedingt.

Doch keine Sorge – auch in der EZB gibt es immer mehr Stimmen, die für ein Ende der Nullzinspolitik eintreten.

So war auch schon der Ankündigung der EZB vom März 2017, dass die Wertpapierkäufe fortgesetzt werden sollten, ein gewisses Merkmal künftiger Geldverknappung abzugewinnen: Sozusagen nebenbei verkündete die EZB damals, die Ankäufe von 80 auf 60 Milliarden Euro pro Monat zu senken.

Der Weg zu steigenden Zinsen

Hüfner erwartet folgenden weiteren Fahrplan der EZB:

  • Im Juni 2017 könnte es erste Hinweise auf die Rückführung der Wertpapierkäufe geben.
  • Im September 2017 könnte die EZB dafür den Zeitplan ankündigen.
  • Von Jänner 2018 bis ins dritte Quartal 2018 werden die Wertpapierkäufe dann sukzessive zurückgeführt.
  • Ab Jänner 2019 kommt der langerwartete Moment: Die Anhebung der Leitzinsen durch die EZB.

Je besser die Konjunktur läuft, desto schneller könnte dieser Fahrplan in der Praxis abgewickelt werden. Umgekehrt, wenn es zu Rückschlägen kommt, wird die EZB dagegen wohl auf die Bremse steigen.

Dass Hüfner steigende Leitzinsen für Anfang 2019 ankündigt, ist übrigens nicht nur volkswirtschaftlich, sondern auch politisch durchdacht: Denn dann endet die Amtszeit von EZB-Chef Mario Draghi, sein Nachfolger könnte nach den Voraussagen von Beobachtern der europäischen Finanzpolitik sehr wahrscheinlich ein Deutscher sein – und der würde wohl zum Amtsantritt die Zinswende vollziehen wollen. Derzeit wird Jens Weidmann, aktuell Mitglied des EZB-Rats, stark ins Spiel gebracht.

Grundsätzlich ist die EZB aber durchaus schon jetzt in der Lage, das Tempo zu erhöhen, möchte allerdings dazu gedrängt werden, so die Einschätzung Hüfners: Vertreter der Bankbranche, Konsumentenschützer u.a. wären die logischen Kandidaten, um im Stimmenchor der Wirtschaftspolitik die Forderung nach höheren Zinsen zu erheben.

Bei entsprechend gutem Konjunkturverlauf würde es dann wohl schon 2018 mit der Zinsanhebung ernst.

Tatsächlich scheint der Gang der Ereignisse Hüfner vorerst Recht zu geben: Sein Vortrag in der Wiener Hello Bank-Filiale fand vergangenen Mittwoch statt, und schon einen Tag später erschien ein Interview mit dem französischen EZB-Ratsmitglied Benoît Cœuré, wonach die EZB auf dem Weg zur geldpolitischen Wende „keinem starren Plan“ folge.

Es werde viel über die Abfolge der Schritte gesprochen, doch diese Abfolge könne geändert werden und sei nicht in Stein gehauen, so Cœuré, der freilich gleichzeitig angab, derzeit sehe er noch keinen Grund zur Änderung.

Ein bedeutungsvolles Schweigen – beinahe eine Aufforderung – hängt da geradezu in der Luft. Und eine gerade erst veröffentlichte Studie der deutschen DZ Bank liefert gleich einen weiteren Denkanstoß: Die Nullzinspolitik der EZB koste allein die deutschen Sparer 436 Milliarden Euro an entgangenen Zinseinnahmen für die Jahre 2010 bis 2016.

Es scheint also durchaus so, dass das von Hüfner erwartete Szenario – eine Art Regentanz am Frankfurter EZB-Sitz zur Beschwörung höherer Zinsen – bereits begonnen hat.

Ein Rechenexempel

Und wie hoch können die Zinsen steigen? Hüfner greift zur Faustregel:

  1. Nominelles BIP-Wachstum (rund 3,5%)
  2. Minus Effekt der EZB-Wertpapierkäufe (rund 1%)
  3. Minus Leitzinsen
  4. Zuzüglich US-Zinsen

Ergebnis: „Etwas über 2 Prozent“, so Hüfner.

Was das alles bedeutet

Von der Aussicht auf einmal wieder steigende Zinsen bis zu einer höheren Verzinsung am Sparkonto ist es freilich noch ein weiter Weg. Am Sparbuch ändert sich vorerst nichts, manche Banken würden sich in den nächsten Monaten eher noch neue Gebühren einfallen lassen als attraktivere Sparzinsen.

Auch auf festverzinsliche Wertpapiere zu hoffen wird den Anlegern nicht unmittelbar einen Lichtblick bringen: Die Rendite Festverzinslicher – aktuell ist sie ja am Nullpunkt angekommen – wird nur langsam steigen, meint Hüfner.

Aktien bleiben dagegen weiterhin recht attraktiv, meint er: Denn erstens werden die Zinsen nur langsam steigen, zweitens schieben gute Konjunktur und Zinsfrust bei den Spareinlagen weiter an – auch wenn es zu technischen Korrekturren kommen könne.

Auch Gold kann der Ökonom – nach den starken Kursrückgängen der letzten Jahre – noch einiges abgewinnen. Kurz, Hüfners Ausblick mag Sparer optimistisch stimmen, was die Zinsfront betrifft, sein Anlageszenario ist aber noch sehr der Welt der Nullzinsen entnommen.

Link: Hello Bank