Die ewige Verknappung: Warum Malthus uns verfolgt

13. Jun 2018   Bildung & Uni Business Nova
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Lars Jaeger ©Jochen Gsell

Die Malthusianische Falle. Wie eine wieder und wieder widerlegte Theorie von vor über 200 Jahren immer noch in unseren Köpfen spukt, das schildert Physiker und Philosoph Lars Jaeger.

Wer heute Diskussionen zur Ressourcenknappheit, zum Klimawandel oder über das ökonomische Wachstum verfolgt, wird bei genauerem Hinschauen ein immer wiederkehrendes Argumentationsmuster erkennen: „Unser heutiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem verlangt ständiges Wachstum. Und das ist in einer endlichen Welt einfach nicht möglich“.

Der intellektuelle Urgroßvater dieser Sichtweise war der britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus, der in zwei Werken 1798 („An Essay on the Principle of Population“) und 1820 („Principles of Economics“) das Prinzip der Endlichkeit unserer Ressourcen mit der Dynamik des menschlichen Bevölkerungswachstums verglich (die zugrunde liegende Argumentation findet sich allerdings bereits bei Aristoteles).

Formuliert als mathematische Gesetzmäßigkeit stellte Malthus es als unabwendbare Notwendigkeit dar, dass der Mensch schicksalhaft einem Gesetz der unbegrenzten Vermehrung gehorcht, während sich die Ressourcen, die es für ein solches „geometrisches“ (exponentielles) Wachstum der Menschheit braucht, sich nicht in denselben Proportionen vermehren. Diese entwickeln sich nur „arithmetisch“ (linear).

Es kann nicht reichen – oder?

Gemäß Malthus reichen bei einer solchen unbeschränkten Vermehrung irgendwann die Lebensmittel nicht mehr für die Ernährung der Erdbevölkerung aus, so dass es immer wieder „korrigierende“ Ereignisse in Form von Krankheiten, Elend, Kriegen und Tod gibt, die das Wachstum der menschlichen Bevölkerung begrenzen und so das Gleichgewicht wieder herstellen.

Dass er damit eine wirtschaftliche und soziologische Theorie als Basis für konkrete Werturteile verwendete, dahingehend, dass Arme doch aus gutem Grund hungern und sterben, hat ihm immer wieder derbe Kritik eingebracht, so dass er heute in die Reihe anti-humanistischer Denker eingeordnet werden muss (der in seiner Zeit allerdings bedeutenden politischen Einfluss besaß: seine Überbevölkerungstheorie führte 1834 in England zu einer neuen Armengesetzgebung, worin die Unterstützung Hilfsbedürftiger in England massive Kürzungen erfuhr).

So meinte Malthus konkret: Ein mittelloser Mensch, dessen Arbeit die Gesellschaft „nicht nötig hat“, habe „nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde“. Diese bekannte wie berüchtigte Stelle hat Malthus zwar später wieder gestrichen, aber sie fasst sein Denken gut zusammen.

Das schreckt so manchen Ökonomen, Soziologen oder andersartig politisch Motivierten nicht davor zurück, das Malthusianische Argumentationsmuster auf die heutige Zeit anzuwenden. Wenn der Club of Rome die Grenzen des Wachstums darlegt und der Maltus’schen Theorie 1972 damit einen grünen Anstrich verlieh, Umweltökonomen das Argument der Endlichkeit unserer Umweltressourcen für die Forderung nach radikalen politischen Umkehrmaßnahmen einsetzen, weil sonst der Untergang droht, Kapitalismusgegner ganz allgemein das ökonomische (exponentielle) Wachstum brandmarken, das ja aufgrund endlicher materieller Güter auf unserem Planeten nicht immer so weiterlaufen kann, Geldtheoretiker die Einführung von „Vollgeld“, d.h. eine Beschränkung der Geldschöpfung durch die Banken fordern (darum ging es gerade in einer Volksabstimmung in der Schweiz), oder Gewaltforscher vor Heerscharen „überzähliger“ junger Männer warnen, so schwingt bei all dem der düstere, pessimistische Grundton Malthus mit.

So heißt es an der zentralen Stelle des Berichtes des Club of Rome in nahezu Malthusianischer Formulierung: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Die Entwicklung verlief anders

Es gibt in der Geschichte der Nationalökonomie wohl kaum eine Theorie, die durch die tatsächliche Entwicklung deutlicher wiederlegt wurde als die Malthusianische. Seit 1800 stieg die Erdbevölkerung von weniger als einer Milliarde Menschen um das Achtfache auf heute mehr als 7.5 Milliarde. Zugleich ist der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung auf heute knapp über 10% gesunken. Zum Vergleich: Der Anteil der vom Hunger bedrohten Menschen im Jahr 1800 lag bei über 90% (so mussten 1800 noch 95% mit weniger als dem Äquivalent von 2 US Dollar in Preisen von 1985 auskommen).

Hunger über breitere Bevölkerungsschichten hinweg beschränkt sich heute nahezu ausschließlich auf den afrikanischen Kontinent. Und auch hier liegen seine Ursachen selten darin, dass es rein mengenmäßig zu wenig Nahrung gibt, sondern verantwortlich dafür sind diverse soziale, politische und ökonomische Faktoren, die bedingen, dass Nahrung nicht zu denjenigen gelangt, die sie brauchen.

Was also führte dazu, dass Malthus mit seiner Theorie derart deutlich daneben lag? Die Antwort lässt sich kurz mit drei Worten formulieren: der technologische Fortschritt. Mit seinen (schon damals dünnen) empirischen Untersuchungen blickte Malthus auf eine Agrargesellschaft zurück, die bereits zu seiner Zeit in England begonnen hatte, der industriellen Revolution zu weichen. Er betrachtete den damals gegebenen Stand der Technologien und setzte diesen auch für die Zukunft als gegeben voraus – ein im übrigens auch heute noch häufig gemachter Fehler in der wirtschafts- oder sozialwissenschaftlichen Forschung.

Doch mit Fortschritten bei der Saatgutzüchtung, der Nährstoffauffüllung der Böden (z. B. mit chemischen Düngemitteln), der Bewässerung, der Mechanisierung und zahlreichen weiteren Erfindungen lief das Wachstum des Nahrungsangebotes in den ihm folgenden 200 Jahren dem der Bevölkerung davon. Konkrete Beispiele waren:

  • die Entdeckung der pflanzenwachstumsfördernden Wirkung von Stickstoff, Phosphaten und Kalium durch den Chemiker Justus von Liebig im Jahr 1840;
  • die 1908 vom Chemiker Fritz Haber entwickelte katalytische Ammoniak-Synthese, welche der Industrielle Carl Bosch zu einem Verfahren entwickelte, das die massenhafte Herstellung von Ammoniak ermöglichte und so die Grundlage der Produktion von synthetischem Stickstoff-Dünger schuf;
  • und nicht zuletzt die heute als „Grüne Revolution“ bezeichnete Entwicklung in den 1960er Jahren, mit der die Einführung der modernen landwirtschaftlichen Hochleistungs- bzw. Hochertragssorten und deren erfolgreiche Verbreitung in Entwicklungsländern bezeichnet wird.

Und schon bahnt sich heute auf der Basis der Gentechnologie eine neue Agrarrevolution an, auch wenn es bei uns nicht allzu gern gehört wird.

Die Vergangenheit in die Zukunft projizieren?

Das Scheitern des Malthusianischen Argumentationsmusters folgt immer dem gleichen Schema: Der jeweilige technologische Entwicklungsstand und die gegebene soziale Gesellschaftsstruktur werden auf Jahrzehnte in die Zukunft projiziert (bzw. nur mit linearen Wachstumsraten extrapoliert), was bei gegebenem exponentiellen Wachstum unseres Ressourcenverbrauchs zu entsprechenden katastrophalen Auswirkungen und dystopischen Zukunftsaussichten führt.

In der Realität erwies sich der technologische Fortschritt in den letzten 400 Jahren jedoch immer wieder als weitaus schneller als jedes lineares Wachstum. Selbst exponentielle Wachstumsraten wurden teils übertroffen, da wissenschaftliche Einsichten und technologische Erfindungen immer wieder sprunghafte wirtschaftliche und soziale Entwicklungen auslösten (so ermöglichte beispielsweise das Haber-Bosch Verfahren mehr oder weniger mit einem Mal eine Multiplikation der landwirtschaftlichen Erträge, was wiederum viele Millionen mehr Menschen zu Nahrung verhalf).

Soziale und gesellschaftliche Innovation spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle – oft interagieren sie direkt mit dem technologischen Wandel. Beispiele sind der Siegeszug der Pille, die Ein-Kind-Politik Chinas (die ganz im Sinn von Malthus ist) oder die durch wachsenden Wohlstand und die Emanzipation der Frauen bewirkten, in entwickelten Ländern starken Rückgang der Geburtenraten (woraus sich ein soziales und ökonomisches Problem ergibt, das dem Malthus-Szenario genau entgegen steht: wegen Geburtenmangel schrumpft die Bevölkerung in vielen Industriestaaten).

Kann man sich denn darauf verlassen?

Bisher entschärften der wissenschaftlich-technologische und der wirtschaftlich-soziale Fortschritt die Malthusianische Falle immer und immer wieder. Dennoch fällt es uns nicht leicht, uns auch in der Zukunft darauf zu verlassen. Denn bei näherer Betrachtung ging es beim Zuwachs unseres Wissens und unserer Fähigkeiten nicht immer nur darum, nachhaltig mehr Output bei gleichem Input zu erzielen, sondern nur allzu oft auch darum, bestehende Ressourcen unseres Planeten abzubauen, d.h. mehr Output mit mehr Input zu erzielen.

Die ersten beiden industriellen Revolutionen basierten auf der wenig nachhaltigen Verfeuerung fossiler Brennstoffe, d.h. Kohle und später Öl und Gas, womit die Menschheit geologische Ablagerungen von alter Sonnenenergie nutzte, die als Kohlenhydrate gespeichert waren und damit in endlicher Menge vorliegen – und deren Verbrennung mit massiven Auswirkungen für die globale Ökobilanz einhergeht.

Wir haben konkret gelernt, tiefer nach Mineralien zu graben, in den Ozeanen mit größeren Netzen zu fischen und Wälder mit leistungsfähigeren Rodungsgeräten zu fällen. Wir erhalten hier also nicht nur „mehr für weniger“, sondern auch „mehr für mehr“. So manches, was wir als „technologischen Mehrwert“ bezeichnen, ist im Sinne wirtschaftlicher Wertschöpfung auf der globalen Bilanz eher ein Abbau bestehender Aktiva als die Schaffung neuer Passiva.

Die Diskussion vom Ende des Wachstums

In der Diskussion um Ressourcenknappheit und den Klimawandel wird daher immer wieder ein Ende des Wirtschaftswachstums gefordert. Damit streifen sich die intellektuellen Erben von Malthus den Makel des Asozialen ab und kleiden sich in ein wesentlich sympathischeres grünes Gewand. Es ist nun nicht mehr die Endlichkeit der Nahrungsverfügbarkeit, sondern die Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit unserer modernen Lebensart, die in Frage gestellt wird, woraus dann ähnliche Kollaps-Szenarien erstellt werden wie vor über 200 Jahren.

Und tatsächlich sind die materiellen und ökologischen Ressourcen auf unserem Planeten endlich und eine exponentielle Wachstumsrate jeglichen Verbrauchs ihrer muss irgendwann an seine Grenzen stoßen. Hier muss den modernen Malthusianern zugestimmt werden. Was sie und mit ihnen die philosophischen und ökonomischen Bilanzen seit Aristoteles allerdings unberücksichtigt lassen, ist der menschliche Erfindungs- und Pioniergeist. Unsere wissenschaftliche und technologische, sowie soziale und ökonomische Kreativität kennt im Gegensatz zur physikalischen Welt keine Wachstumsgrenzen! Erfindungen, neue Technologien und sozialer Fortschritt sprengen immer wieder von neuem den Rahmen vergangener Vorstellungskraft und haben uns um Vieles weiter gebracht, als sich dies unsere Vorfahren noch vorstellen konnten.

Nichtsdestotrotz bleibt die Frage im Raum: Könnte die Malthusianische Argumentation dieses Mal zutreffen? Oder lassen sich mit der ständigen Vermehrung des menschlichen Wissens und unserer technologischen Möglichkeiten ein weiteres Wachstum des menschlichen Wohlstands mit einem Stoppen der Erderwärmung und der Endlichkeit irdischer Ressourcen verbinden? Verweisen wir die modernen Malthusianer in die Schranken der bisherigen historischen Unzulänglichkeiten ihrer dystopischen Zukunftsvisionen, so wetten wir geradezu auf die unerschöpfliche Erfindungskraft der Menschen. Noch einmal: Bisher haben wir diese Wette immer wieder gewonnen. Der antihumanistische Kern von Malthus‘ Lehre, dass der Mensch des Menschen Verderben sei, wurde noch immer Lügen gestraft. Die Frage ist, ob wir uns wirklich darauf verlassen wollen, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Denn es steht dabei nichts weniger auf dem Spiel als die Zukunft der menschlichen Zivilisation.

Der Autor

Autor Lars Jaeger bezeichnet sich selbst als „Entrepeneur, Scientist, Writer“. Er hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – sozusagen als Querdenker – zwei Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Aktuelle Bücher sind „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015), „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016; beide Springer Spektrum) sowie zuletzt „Supermacht Wissenschaft“ (Gütersloher Verlagshaus).

Link: Lars Jaeger

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