So wirkt der neue Familienbonus

08. Aug 2018   Bildung & Uni Recht Steuer
Markus Tiefenbacher Credit Privat
Markus Tiefenbacher ©Beigestellt

Salzburg / Wien. Der Familienbonus war eines der Kernvorhaben der neuen Regierung. Wird er Menschen zu Mehrarbeit motivieren? Das haben Forscher jetzt untersucht.

Der Salzburger Ökonom Markus Tiefenbacher hat zusammen mit Wiener Ökonomen ein Modell zu den Auswirkungen des Familienbonus erstellt. Die Autoren berücksichtigen in der Folgenabschätzung erstmals auch, wie Menschen ihr Arbeitsangebot aufgrund des Familienbonus ändern, heißt es bei der Uni Salzburg.

Familie, nicht Einzelperson im Visier

Für seine Untersuchung wurde der 32jährige Wissenschaftler Tiefenbacher mit dem „Young Investigator Award“ der Universität Salzburg ausgezeichnet.

Worum geht es überhaupt: Mit Jänner 2019 tritt der Familienbonus in Kraft, eine steuerliche Entlastung für Eltern, die bis zu 1.500 Euro pro Kind und Jahr beträgt (Infos und einen Steuerrechner bietet das Finanzministerium). Rund 950.000 Familien und etwa 1,6 Mio. Kinder werden laut BMF von einer Steuerlast von bis zu 1,5 Mrd. Euro befreit – der Familienbonus sei somit für Familien die bisher größte Entlastungsmaßnahme.

Es handelt sich dabei um ein steuerliches Werkzeug, das Familien und nicht Einzelpersonen im Visier hat und diese – als eines der wichtigsten Vorhaben der neuen ÖVP/FPÖ-Regierung – ausdrücklich fördern soll. Insgesamt gesehen kommt der Familienbonus eher gutverdienenden inländischen Familien zugute, glaubt die Opposition – die SPÖ etwa sprach von einer „Förderung für Besserverdienende“.

Entsprechend emotional aufgeladen wurde der Familienbonus diskutiert. Dabei ging es – neben den Kosten – durchaus auch um die Verteilungseffekte, also die Frage, wer profitiert und wer nicht.

Doch Ökonom Tiefenbacher empfand das wohl als unbefriedigend: Sein Modell, das er gemeinsam mit den Wiener Ökonomen Paul Eckerstorfer und Friedrich Sindermann entwickelt hat, soll einen weiteren wichtigen Aspekt in die Folgenabschätzung einbringen, nämlich die Tatsache, dass Menschen auf Steuern reagieren und dementsprechend zum Beispiel ihr Arbeitsangebot ändern.

So ist es eine bekannte Erfahrung der Ökonomen, dass zu hohe Steuerquoten irgendwann kontraproduktiv wirken: Die Menschen sind dann nicht mehr bereit, ihr Einkommen mit dem Staat zu teilen. Doch wie wird die Entlastung durch den Familienbonus wirken?

„Wie geht es mir – und lohnt es sich denn?“

„Wir alle richten unser Arbeitsangebot nach unseren Präferenzen aus. Wenn ich zum Beispiel zwei kleine Kinder habe, ist meine Bereitschaft zu arbeiten wahrscheinlich anders als wenn ich keine Kinder habe. Dabei spielt eine wichtige Rolle, ob sich die Arbeit finanziell lohnt. Wenn eine Stunde zusätzliche Arbeit das Einkommen nur marginal erhöht, arbeiten Menschen meist weniger. Zahlt sich umgekehrt mehr arbeiten aber aus und bleibt mehr netto vom brutto, – wie das beim Familienbonus ganz exemplarisch der Fall ist – dann arbeiten Menschen meistens auch mehr,“ erklärt Tiefenbacher.

Menschen reagieren eben auf Steuern. Ökonomen sprechen in dem Zusammenhang von Verhaltensanpassungen, deren Ausmaß anhand von Elastizitäten gemessen werden.

„Wir haben ein Modell erstellt, das diese Arbeitsangebots-Effekte darstellen kann und haben es in das Modell zu den statischen Einkommens-Verteilungseffekten integriert“, so Tiefenbacher. Und das „klingt simpel, ist technisch aber höchst diffizil“, wie er festhält.

Was – vermutlich – geschehen wird

Und was sind die Kernergebnisse des Modells zu den Arbeitsangebots-Effekten durch den Familienbonus? „Vor allem Frauen, die Kinder haben, über ein mittleres Einkommen verfügen und in Beziehungen leben, erhöhen ihr Arbeitsangebot. Männer hingegen reagieren nicht. Der Grund: Männer arbeiten meistens ohnehin schon Vollzeit und können daher ihr Arbeitsangebot schlecht steigern“, so der Forscher: „Insgesamt sehen wir eher geringe Effekte.“

Auch wenn sich en gros bei den Arbeitsangebots-Effekten wenig ändere, Detailergebnisse könnten durchaus interessant sein, sagt Tiefenbacher. „Das müssen wir uns noch näher anschauen. Wir möchten zum Beispiel wissen, wie reagiert eine alleinerziehende teilzeitbeschäftigte Verkäuferin? Oder eine Akademikerin mit Kind, die in einer Beziehung lebt? Für manche Subgruppen könnte sich Erhebliches ändern.“

Die Berechnung

Bei dem Model handele es sich um ein empirisches Modell: Es beruht auf repräsentativen Daten von über 13.0000 Österreichern und Österreicherinnen, erhoben im Jahr 2016 von Eurostat bzw. der Statistik Austria.

Bei der Berechnung der durch den Familienbonus induzierten Verteilungseffekte kommt Tiefenbacher in seiner Mikrosimulation – unter Berücksichtigung der Arbeitsangebotseffekte – zu ähnlichen Schlüssen wie die statischen Modellrechnungen, die vom Wifo sowie der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung und dem Europäischen Zentrum durchgeführt wurden. „Niemand bekommt weniger. Am meisten profitiert die Mitte. Dort spielt die Musik. Sehr Arme und sehr Reiche profitieren kaum.“

In Wahrheit eine Mittelstandsförderung?

  • Sehr Arme profitieren wenig, weil sie keine Steuern zahlen. Erklärtes Ziel des Familienbonus ist es ja, steuerzahlende Familien zu entlasten. Nicht steuerzahlende AlleinerzieherInnen oder AlleinverdienerInnen erhalten eine Pauschalunterstützung in Form des Kindermehrbetrags von rund 250 Euro.
  • Sehr Reiche wiederum profitieren relativ wenig, weil einerseits der relative Effekt geringer ist, und andererseits weil sich Reichtum oft erst im fortgeschrittenen Alter einstellt, wenn die Kinder schon erwachsen sind und der Familienbonus nicht mehr greift (er kann nur bis zum 18.Lebensjahr des Kindes voll ausgeschöpft werden).
  • Weiters wird mit der Einführung des Familienbonus der derzeitige Kinderfreibetrag sowie die Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten abgeschafft.

„Man kann sagen, dass der Familienbonus die Umverteilung von oben nach unten, die derzeit gegeben ist, nur in geringem Ausmaß beeinflusst,“ resümiert Tiefenbacher und ergänzt: „Auch wenn der Familienbonus inzwischen beschlossen ist, so kann unsere  Arbeit doch mehr Evidenz in die Diskussion bringen und Empfehlungen für eine möglichst faire Ausgestaltung des familienpolitischen Instrumentariums liefern.“

Link: Uni Salzburg

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