Nach Skandalen ändern britische Big Four ihr Wording

14. Mrz 2019   Business Finanz Recht Steuer

London. Nach der Milliardenpleite des Baukonzerns Carillion wollen Deloitte, EY, KPMG und PwC ihre britischen „Clients“ anders nennen: als Symbol der Distanzierung.

Die marktbeherrschenden Prüf- und Beratungsunternehmen ändern in England in Audits ihre Wortwahl bei der Beschreibung von Kunden, wie die Financial Times schreibt.

Die zuletzt am meisten für die Qualität ihrer Audits kritisierte KPMG hat dem Bericht nach eine formale Richtlinie erlassen, wonach Mitarbeiter nicht mehr das Wort „client“, sondern „audited company“ oder „audited entity“ nutzen sollen. So soll klarer sein, dass die Kunden letztlich die Aktionäre der betreuten Unternehmen sind.

Vor allem die Rolle von KPMG und Deloitte wurde nach dem  Zusammenbruch des börsenotierten Baukonzerns Carillion 2018 mit Verbindlichkeiten von rund 5,3 Milliarden Pfund (rund 6,23 Milliarden Euro) heftig kritisiert. Laut den britischen Parlamentariern seien KPMG und Deloitte unfähig gewesen, rechtzeitig vor den gravierenden Problemen zu warnen, obwohl sie als externe bzw. interne Prüfer von Carillion über die letzten 18 Jahre das Unternehmen gut hätten kennen müssen (immerhin haben sie dabei Prüf-Honorare von rund 40 Millionen Pfund  verdient).

Leitende Partner der beiden Beratungsriesen mussten sich daraufhin parlamentarischen Anhörungen stellen, in denen sie die Vorwürfe zurückwiesen. Dennoch wolle man aus den Vorkommnissen lernen. Das neue Wording scheint eine solche Konsequenz zu sein.

Irreführende Bezeichnung?

„Wording ist für den Verkauf von Leistungen und das Überzeugen von Kunden wichtig. Aber Vorsicht: Große Worte führen oft auf vorgedachte Wege. Für eine konkrete Leistung ist die Wortwahl uninteressant. Einen Klienten nicht als solchen zu bezeichnen, ist irreführend“, kommentiert Bernd Höhne, Geschäftsführer von Q-One.

Eigenen Angaben nach haben EY, PwC und Deloitte bei der Wortwahl die Audits betreffend keine formalen Richtlinien. Jedoch haben sowohl Deloitte als auch PwC ihren Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahren dazu geraten, das Wort „client“ nicht mehr zu verwenden.

Deloitte mahnt seine Mitarbeiter auch, dass ihre Verantwortung den Aktionären der zu beratenden Unternehmen gilt. Es stehe eher die Firmenkultur als die Wortwahl im Fokus. EY überlege, diesen Maßnahmen ebenfalls umzusetzen.

„Alter Wein in neuen Schläuchen“

„Es ist schade, wie leicht sich Führungskräfte durch Begrifflichkeiten beeindrucken lassen. Man kann ein Angebot natürlich nennen wie man will, aber man verkauft dadurch oft alten Wein in neuen Schläuchen. Es braucht echte Alternativen bei der Beratung als nur neue Worte. Das Problem fängt oft nicht beim Berater an, sondern bei einem entscheidungsschwachen Management. Die Berater müssen in vielen Fällen Managemententscheidungen unterstützen. Dabei tragen sie keine Verantwortung und beraten nicht einmal unabhängig. Die meisten Firmen haben genügend Expertise im Haus, vertrauen aber den eigenen Leuten zu wenig. Das heißt nicht, man sollte auf externe Hilfe gänzlich verzichten“, so Höhne.

Michael Izza, CEO des britischen Rechnungslegungsverbandes ICAEW, empfahl bei einer Rede im Unterhaus des Parlaments erst im Jänner, die Sichtweise auf zu beratende Unternehmen zu ändern, um so die Qualität von Audits zu verbessern. Die Rede wurde vor dem Business, Energy and Industrial Committee gehalten.

Das Komitee diskutiert aufgrund von Finanzskandalen bei den Firmen Carillion, BT, und Patisserie Valerie derzeit über die Zukunft des Auditmarktes. Hauptthemen sind dabei die Verbesserung der Leitungsqualität und des Wettbewerbs sowie die Reduzierung von Interessenkonflikten.

Eine starke Stellung

In Großbritannien ebenso wie in Deutschland oder Österreich prüfen die Big Four die Bilanzen der meisten großen bzw. börsenotierten Unternehmen – und zwar mangels Alternativen meist über viele Jahre. Gleichzeitig bieten sie den Unternehmen auch anderweitige Beratungsdienstleistungen, etwa Steuer- und Unternehmensberatung. Interne „Chinese Walls“ sollen verhindern, dass die einzelnen Abteilungen einander beeinflussen. Weltweit beschäftigen die Big Four rund 800.000 Angestellte bei 120 Milliarden Euro Umsatz.

Die EU will bei den Wirtschaftsprüfern für mehr Transparenz und auch mehr Wettbewerb sorgen, ein konkreter Plan fehlt trotz jahrzehntelanger Debatten allerdings. Die Big Four selbst argumentieren – jetzt wieder im Fall Carillion – so: Angesichts der Größe der von ihnen zu prüfenden Konzerne bräuchten sie selbst „scale“, also Größe.

Von diesem Argument zeigt sich das britische Parlament angesichts der Rekordpleite nun nicht mehr überzeugt. Sollte das Vereinigte Königreich ohne Übergangslösung die EU verlassen, könnte eine Neuregelung der Wirtschaftsprüfung auf der Insel auch ohne EU-Richtlinie ein Thema werden: Die britische Wettbewersbehörde CMA hat jedenfalls Ende 2018 eine Trennung des Prüf- und Beratungsgeschäfts der Big Four empfohlen. Auch sollen die Prüfmultis mehr kleinere Prüfgesellschaften engagieren, und eine neu zu schaffende staatliche Aufsichtsbehörde soll kommen. (pte/red)

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies, indem Sie auf OK im Hinweis-Banner klicken.

    Weitere Meldungen:

  1. Seminare für Wendezeiten: Brexit und Blockchain
  2. Brexit: Hotline für betroffene österreichische Betriebe
  3. Der Brexit und meine Firma: WKÖ veröffentlicht Checkliste
  4. So wirkt die DSGVO: Klagen mehr als verdoppelt