07. Jan 2020   Business

EY: Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit im Jahr 2020

Gunther Reimoser ©EY Österreich / Stefan Seelig

Job-Trends. Laut einer EY-Studie wird die Zahl der Beschäftigten in Österreich 2020 weiter steigen, allerdings weniger als 2019. Der Fachkräftemangel bleibt Thema.

Trotz der sich abkühlenden Konjunktur hielt der Beschäftigungsaufbau in Österreich auch im Jahr 2019 an: Unterm Strich entstanden laut einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens EY etwa 50.000 zusätzliche Arbeitsplätze, die Erwerbslosenquote nach ILO-Definition sank von 4,9 auf 4,6 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2011, heißt es.

Damit sei Österreich einer der Spitzenreiter in Europa: Seit dem Vorkrisenjahr 2007 seien in Österreich rund 525.000 zusätzliche Stellen geschaffen worden – nur in Deutschland (5 Millionen), Frankreich (1,4 Millionen) und den Niederlanden (600.000) waren es laut EY mehr.

Die Aussichten am Arbeitsmarkt für 2020

Im Jahr 2020 soll sich aber die Entwicklung auf dem österreichischen und auch auf dem Eurozonen-Arbeitsmarkt deutlich verlangsamen: Laut EY-Prognose sinkt die Erwerbslosenquote in Österreich 2020 nur noch leicht – von 4,6 auf 4,5 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten werde demnach nur noch um etwa 21.000 steigen und damit nicht einmal halb so stark wie 2019.

Auch in der gesamten Eurozone soll sich der Beschäftigungsaufbau verlangsamen: Die Zahl der Erwerbstätigen steige 2020 voraussichtlich nur noch um 0,6 Prozent – nach einem Plus von 1,1 Prozent im Jahr 2019. Mit einer Erwerbslosenquote in der Eurozone 2020 von 7,3 Prozent könnte aber erstmals wieder das Vorkrisenniveau des Jahres 2007 erreicht beziehungsweise sogar unterschritten werden, so EY.

„2019 war ein weiteres gutes Jahr für den Arbeitsmarkt und damit für die Beschäftigten in Europa“, so Gunther Reimoser, Country Managing Partner bei EY Österreich. „Trotz konjunkturellen Gegenwinds sind in der gesamten Eurozone unterm Strich etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätze entstanden.“

Unternehmen werden vorsichtiger

Im Jahr 2020 wird die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt nachlassen – in der Eurozone insgesamt, aber auch in Österreich, so Reimoser. „Die schwierige Wirtschaftslage fordert ihren Tribut. Die Unternehmen werden vorsichtiger, wenn es darum geht, neue Stellen zu schaffen. Sie warten ab, wie sich die Nachfrage entwickelt. Gerade in der österreichischen Industrie, die auch aufgrund der schwächeren Entwicklung in Deutschland zuletzt Umsatzrückgänge verzeichnete, ist die Situation sehr angespannt: Internationale Handelskonflikte, eine schwächelnde chinesische Konjunktur und absehbare technologische Umbrüche sorgen für große Unsicherheit.“

Warum Österreich bei der Arbeitslosigkeit besser dasteht

Trotz dieser Rahmenbedingungen soll es laut EY-Prognose nicht zu einer negativen Trendwende auf dem österreichischen Arbeitsmarkt kommen. Dafür sorgen laut Reimoser vor allem zwei Entwicklungen: Erstens bleibe der Dienstleistungssektor auf Wachstumskurs und schafft weitere neue Arbeitsplätze. Und zweitens spiele die Demographie eine große Rolle.

Zunächst zu den Dienstleistern: Bereits in den vergangenen Jahren entfielen viele der neu entstandenen Stellen auf den Dienstleistungssektor. In den kommenden Monaten werde ihm eine noch wichtigere stabilisierende Rolle zukommen. „Denn viele Industriebranchen, wie der Maschinenbau und Automobilzulieferer, stecken mitten in einem enormen technologischen Umbruch. Gerade hier werden die Digitalisierung und der Vormarsch der Elektromobilität die Beschäftigungsstruktur verändern: Es werden traditionelle Arbeitsplätze wegfallen, während an woanders neue Stellen in den Bereichen IT, Forschung und Entwicklung entstehen“, so Reimoser.

Österreich sucht nach Fachkräften

Daraus ergeben sich große Herausforderungen für die Bildungspolitik, aber auch für die Unternehmen selbst, die deutlich mehr in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren sollten. Bereits seit zwei Jahren sei der Fachkräftemangel eine der größten Sorgen der Unternehmen, so Reimoser: „So gut wie alle Unternehmen in Österreich leiden aktuell darunter, dass sie nicht ausreichend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für offene Stellen finden. Es werden händeringend Softwareentwickler und Elektronik-Fachkräfte gesucht.“

Auch der demographische Wandel mache sich auf dem Arbeitsmarkt bereits bemerkbar, so Reimoser: „Angesichts der absehbar rückläufigen Zahl der Erwerbstätigen verzichten viele Unternehmen im derzeitigen Abschwung darauf, Stellen abzubauen – auch wenn das auf Kosten der Profitabilität geht. Zu groß ist die Sorge, im nächsten Aufschwung nicht genug Personal zu haben. In einigen Regionen ist das Arbeitskräftereservoir weitgehend erschöpft.“

Arbeitslosigkeit voraussichtlich unter Vorkrisenniveau

Im Jahr 2020 soll die Erwerbslosenquote in der Eurozone laut EY voraussichtlich erstmals wieder unter das Niveau des Vorkrisenjahres 2007 sinken. Dies ist in erster Linie auf die sehr positive Entwicklung in Deutschland im Verlauf der vergangenen Jahre zurückzuführen. In zehn Ländern werde die Quote immer noch über dem Vorkrisenniveau liegen, insbesondere in Griechenland, Spanien und Italien.

„Die Kluft zwischen Nord und Süd ist immer noch sehr groß. Einige südeuropäische Länder haben sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt, aber nach wie vor sorgt eine hohe Arbeitslosigkeit gerade junger Menschen für Perspektivlosigkeit sowie soziale und politische Spannungen“, warnt Reimoser.

 

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