21. Apr 2020   Bildung & Uni Business Finanz

Finanzprodukte brauchen Risikotabelle auf der Verpackung

Studie. Forscher der Uni Innsbruck haben erhoben, wie Menschen das Risiko von Finanzprodukten wahrnehmen. Jetzt fordern sie eine Risikotabelle auf der Verpackung.

Ein Team von Wirtschaftswissenschaftlern um Felix Holzmeister, Jürgen Huber und Michael Kirchler der Uni Innsbruck, der Freien Universität Amsterdam, der Uni Zürich und des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn ist in einem Umfrageexperiment der Frage nachgegangen, nach welchen Gesichtspunkten Laien und Finanzexperten die Risiken von Finanzprodukten bewerten.

Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin Management Science publiziert. „Wir haben uns angesehen, welche Faktoren die Wahrnehmung finanzieller Risiken treibt. Das Ergebnis hat uns überrascht: Die Standardabweichung der Renditen, das in der Finanzwirtschaft weitaus gebräuchlichste Maß für finanzielles Risiko, beeinflusst weder die Risikowahrnehmung von Laien, noch von Experten. Stattdessen ist die Wahrscheinlichkeit, mit einem Investment Verluste zu erleiden, ein starker Indikator dafür, was sowohl Laien als auch Finanzexperten als riskant empfinden“, so Ko-Autor Felix Holzmeister vom Institut für Banken und Finanzen der Uni Innsbruck.

6.700 Umfrageteilnehmer aus neun Ländern

Die Forscher haben für ihr 2019 durchgeführtes Experiment mehr als 2.200 Finanzexperten und mehr als 4.500 Laien in Brasilien, China, Deutschland, Indien, Japan, Russland, Großbritannien, USA und Südafrika online befragt. „Im Experiment haben wir den Teilnehmern grafische Gewinn- bzw. Verlustverteilungen gezeigt, die sich systematisch in mehreren statistischen Parametern unterscheiden: In der Standardabweichung, also der Abweichung vom Mittelwert, der Schiefe und der Kurtosis, also dem Auftreten von extremeren, aber selteneren Gewinn- oder Verlustereignissen“, so Holzmeister.

Die Standardabweichung sei zwar das am häufigsten verwendete Maß zur Beschreibung finanzieller Risiken in Lehrbüchern, in der Finanzberatung und in den von Finanzregulatoren vorgeschriebenen Informationen bzgl. Finanzprodukten löste diese allerdings bei den Umfrageteilnehmern keine Unterschiede in der Risikowahrnehmung aus – auch nicht bei Finanzexperten, so die Studie.

„Die Schiefe der Anlagenrenditen, also die Häufung von Gewinnen oder Verlusten, weist hingegen einen deutlichen Effekt auf. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das durch den Drang zu erklären ist, Verluste zu vermeiden – die Verlustwahrscheinlichkeit ist nämlich zu erheblichen Teilen durch die Schiefe bestimmt, wenn auch dieser Wert allein nichts über die zu erwartende Höhe möglicher Verluste aussagt“, so Holzmeister.

Forscher fordern Risikotabelle

Laut Forscherteam zeigt die Studie, dass die Standardabweichung allein nicht als Angabe auszureichen scheint. Die Forscher plädieren deshalb, analog zur Lebensmittelbranche, wo Nährwerttabellen die genauen Inhaltsstoffe auflisten, für Risikotabellen bei Wertpapieren: „Stellen Sie sich vor, auf Lebensmitteln stünden plötzlich nur noch Kalorienangaben, keine weiteren Informationen. Ungefähr so wird derzeit über Finanzprodukte informiert“, so Holzmeister.

Diese „Risikotabelle“ für Finanzprodukte soll laut Forderung der Ökonomen neben der Standardabweichung der Renditen auch andere Risikomaße, vor allem die mit einem Produkt verbundenen Verlustwahrscheinlichkeit, beinhalten. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das bisher übliche Maß für das Risiko in der Finanzierung – die Renditevolatilität – nicht erfasst, was Menschen tatsächlich als riskant empfinden. Diese Diskrepanz zwischen der konventionellen Definition von Risiko und der tatsächlichen Wahrnehmung von Risiko unter Laien ist potenziell schädlich. Mehr Informationen, wie in Form einer Risikotabelle, könnten hier helfen“, so Holzmeister.

 

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