22. Jun 2020   Business Finanz Recht Steuer

Re/Max: „Immobilien-Nachfrage derzeit höher als vor Corona“

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Bernhard Reikersdorfer ©Re/Max / schwarz-koenig

Interview. Nach dem Lockdown kommt Österreichs Immobilienmarkt wieder in Fahrt: Re/Max-Geschäftsführer Bernhard Reikersdorfer spricht über Wohnungssuche, Preise, mögliche Rabatte und Renditen.

Extrajournal.Net: Covid-19 hat in sämtlichen Wirtschaftsbereichen für Turbulenzen gesorgt. Welche Auswirkungen sehen Sie konkret auf dem Immobilienmarkt? Und ist Investieren in den Immobilienmarkt nach wie vor interessant?

Bernhard Reikersdorfer: Speziell in den ersten beiden Wochen nach Beginn der Krise war eine gewisse Schockstarre zu spüren, die Nachfrage nach Immobilien ist in dieser Phase deutlich zurückgegangen. Mittlerweile hat sich die Situation aber wieder erheblich gebessert und die Nachfrage liegt – u.a. auch aufgrund von Aufholeffekten – über den Werten des Vorjahres.

Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Monaten das Angebot an Immobilen steigen wird. Wir gehen weiters davon aus, dass die Preise aus heutiger Sicht im Jahresvergleich weitestgehend stabil bleiben werden, in vielen Regionen ist vermutlich auch mit fallenden Preisen zu rechnen. Nichtdestotrotz bleiben Eigentumswohnungen für die Eigennutzung, aber auch als Anlageform und zur Pensionsvorsorge weiter begehrt und vor allem empfehlenswert. Die weiterhin niedrigen Zinsen und fehlende alternative attraktive Geldanlagemöglichkeiten sprechen für ein Investment in eine Immobilie.

Sowohl auf dem Markt für Eigentumswohnungen wie auch auf dem für Einfamilienhäuser hat es 2019 weniger Verkäufe gegeben. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Sind auch die Preise unter Druck oder zeigt die Preisentwicklung nach oben?

Reikersdorfer: Die Nachfrage nach Eigentumswohnungen aber auch nach Einfamilienhäusern konnte in den letzten Jahren nicht gedeckt werden, d.h. die Gründe für den Rückgang bei den Verbücherungen liegen darin, dass es zu wenig Angebot gab.

Die Preise für Eigentumswohnungen sind im letzten Jahr nochmals spürbar gestiegen, die Preiskurve für Einfamilienhäuser hat sich hingegen schon etwas eingebremst. Für 2020 erwarten wir weitestgehend stabile Preise.

„Probleme für Wohnungskäufer mit Job in Krisen-Branchen“

Welche Trends erwarten Sie auf Basis der bisherigen Daten für das Jahr 2020 insgesamt? Sorgt die Covid-19-Pandemie für eine starke Bremsung bei den Verkäufen bzw. Vermietungen, auf die spätestens 2021 wieder eine Beschleunigung folgen wird, oder herrscht – von der Lockdown-Zeit im Frühjahr einmal abgesehen – doch im Wesentlichen business as usual?

Reikersdorfer: Wir erwarten im Jahresvergleich in beinahe allen Objektkategorien stabile bzw. leicht fallende Preise. Den gewerblichen Bereich wird es aus heutiger Sicht deutlich stärker treffen als den Bereich der Wohnimmobilien. Die Anzahl der Verkäufe aus dem Jahr 2019 wird 2020 wohl nicht erreicht werden. Entscheidend für die Marktentwicklung wird die Kreditvergabe der Banken an Privatpersonen – und hier vor allem Jungfamilien – sein.

Es ist davon auszugehen, dass es für Haushalte bestimmter Branchen, die von Covid-19 besonders stark betroffen sind, schwieriger wird, eine Finanzierung zu bekommen, um den Traum der eigenen vier Wände in Form eines Einfamilienhauses oder einer Eigentumswohnung auch verwirklichen zu können.

Tipps für Immo-Investoren

Wenn man in Österreich jetzt ein Einfamilienhaus kaufen möchte und dabei auch die Perspektive einer Wertsteigerung im Auge hat: Welche Regionen kommen aus Ihrer Sicht dafür mehr in Frage, welche weniger?

Reikersdorfer: Einfamilienhäuser stehen in erster Linie von Eigennutzern im Fokus, auf einer möglichen Wertsteigerung liegt dabei nicht das Hauptaugenmerk. Ein Einfamilienhaus im Grünen, mit guter Verkehrsanbindung und der Nähe zu einem Ballungszentrum hat aber auch in den nächsten Jahren eine gute Chance auf eine Wertsteigerung.

Welche Tipps haben Sie, abgesehen von der Lage, noch für Hauskäufer?

Reikersdorfer: Im ersten Schritt sollte man sich im Klaren sein, wie die Anforderungen (Lage, Größe, Verkehrsanbindung) aussehen sollen. Vor Beginn der Immobiliensuche sollten auch die finanziellen Möglichkeiten ausgelotet werden. Weiters macht aktuell auch eine Fixzinsvereinbarung über einen längeren Zeitraum Sinn. Baupläne, Flächenwidmungsplan, Energieausweis, Prüfung des Erhaltungszustandes des Gebäudes und ein Blick in den Grundbuchsauszug sind ebenso wichtig wie eine Treuhandabwicklung und eine vertragsgemäße Übergabe der Liegenschaft samt Protokoll. Nachdem es sich bei einem Hauskauf um eine sehr große Investition handelt, empfehle ich dringend die Inanspruchnahme eines Immobilien-Experten.

Und welche Gegenden würden Sie Investoren, auch privaten, raten, die Immobilien zum Vermieten im Auge haben?

Reikersdorfer: Ballungszentren bzw. die angrenzenden Speckgürtel, aber auch Bezirksstädte mit einer guten Verkehrsanbindung und einer guten Arbeitsplatz-Situation sind sicherlich interessant.

Welche Wohnungsgrößen sind dafür besonders geeignet, welche Eigenschaften muss eine solche Wohnung am besten haben?

Reikersdorfer: Wohnungsgrößen zwischen 45 und 65 m² sind gut geeignet. Wichtig ist in erster Linie die Lage (Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz), weiters eine gute Raumaufteilung, idealerweise ein Balkon und die Höhe der Betriebskosten. Bei gebrauchten Eigentumswohnungen ist zusätzlich auch auf den Erhaltungszustand des Gebäudes und das Protokoll der letzten Eigentümerversammlung zu achten.

Welche Renditen sind derzeit realistischerweise am Immobilienmarkt zu erzielen – oder, anders ausgedrückt, ab welcher Rendite zahlt sich eine Investition in eine Immobilie für Anleger überhaupt aus?

Reikersdorfer: Aufgrund der niedrigen Zinsen und der fehlenden alternativen attraktiven Geldanlageformen ist ein Investment in eine Immobilie aktuell sicherlich interessant. Im Bereich der Eigentumswohnungen sind derzeit Renditen – je nach Lage und Region – zwischen 2,5 und 5 % erzielbar.

Lassen Immobilien-Verkäufer mit sich handeln?

Re/Max beobachtet schon seit Jahren die Entwicklung von Angebotspreisen einerseits und den tatsächlich erzielten Verkaufspreisen, wie sie aus den Unterlagen des Grundbuchs hervorgehen, andererseits. Dabei zeigt sich eine beachtliche Diskrepanz – die tatsächlichen Preise scheinen einige Prozente niedriger zu sein. Handelt es sich hier um den Preisnachlass, den Käufer herausverhandeln, oder spielen auch andere Faktoren wie z.B. nicht eingetragene Nebenleistungen eine Rolle? Wieviel Preisnachlass ist in der Praxis für Käufer erzielbar?

Reikersdorfer: Die Diskrepanz zwischen Angebotspreisen und tatsächlichen Verkaufspreisen ist in den letzten Jahren immer geringer geworden. In Regionen mit sehr viel Nachfrage und wenig Angebot, ist es schwieriger bzw. kaum möglich Preisnachlässe zu bekommen. In weniger attraktiven Regionen mit mehr Angebot und weniger Nachfrage sieht die Situation anders aus. Angebot/Nachfrage spielen also eine ganz wichtige Rolle.

Natürlich gibt es auch immer wieder Verkäufer mit weit überzogenen Preisvorstellungen, diese Immobilien finden aber im Regelfall zu diesen Preisen auch keine Abnehmer. In den meisten Bezirken liegt der Unterschied zwischen Angebots- und tatsächlichen Verkaufspreis bei maximal 5 %.

Im Interview

Bernhard Reikersdorfer, MBA ist Geschäftsführer von RE/MAX Austria.

Link: RE/MAX

 

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