26. Apr 2021   Business Recht Steuer Tools

Für manche Start-ups machen wir mehr Geld locker

Florian Haas ©EY / Robert Herbst

Studie. Weder Corona noch Brexit haben die Start-up-Finanzierung 2020 ausgebremst, so EY. Österreich schaffte schöne Zuwächse und Rekord-Deals wie Bitpanda. Das dicke Ende kommt aber noch.

Die Zahl und der Wert der Finanzierungsrunden erreichten 2020 in Europa wie in Österreich Rekordwerte, so eine aktuelle Studie von EY:

  • So stieg die Zahl der Finanzierungsrunden in Europa auf knapp 6.700 – ein Plus von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
  • Das Volumen entwickelte sich nicht ganz so dynamisch, machte aber immerhin auch einen Sprung um 17 Prozent auf rund 36,5 Milliarden Euro.

Der Anstieg sei vor allem auf ein sehr starkes zweites Halbjahr zurückzuführen, das Finanzierungsvolumen zog deutlich an und erreichte mit 21,2 Milliarden Euro den höchsten Wert für ein Halbjahr überhaupt. So fielen auch die größten drei Start-up-Finanzierungen 2020 in diesen Zeitraum:

  • The Telepass Group, ein italienischer Anbieter von Mobilitäts-Serviceleistungen (u.a. Autobahnmaut) sammelte im Oktober knapp 1,1 Milliarden Euro ein.
  • Das britische Versicherungs-Start-up Inigo erhielt im November mehr als 700 Mio. Euro.
  • Der Batteriehersteller Northvolt aus Schweden sammelte 526 Millionen Euro ein.

Die Verteilung nach Ländern

Insbesondere Großbritannien hat laut der Studie den europäischen Start-up-Markt angetrieben:

  • Trotz des Ende 2020 endgültig vollzogenen Brexits hat sich die Anzahl der Finanzierungsrunden auf 2.113 mehr als verdoppelt. Auch das Finanzierungsvolumen stieg deutlich um ein Viertel auf 13,9 Milliarden Euro. Damit habe Großbritannien den Vorsprung gegenüber dem Rest Europas weiter ausgebaut.
  • In Deutschland sank das Finanzierungsvolumen um 15 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro, während die Zahl der Finanzierungsrunden von 704 auf 743 anstieg.
  • Frankreich als drittgrößter Start-up-Standort Europas hat 2020 nur 619 Finanzierungsrunden gezählt, nach 736 im Vorjahr. Dafür stieg das Volumen um 3,4 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro.

Die Zahlen stammen aus dem Start-up-Barometer der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Die Studie basiert auf einer Analyse der Investitionen in europäische Start-ups. Als Start-ups werden dabei Unternehmen gewertet, die nicht älter als zehn Jahre sind.

„In der Corona-Krise sind zahlreiche Herausforderungen für die Unternehmen noch offensichtlicher geworden – etwa die dringend notwendige Digitalisierung, die Anfälligkeit von Logistikketten oder auch die große Bedeutung der Sicherheit von IT-Netzwerken“, sagt Thomas Gabriel, Partner Strategy bei EY-Parthenon. „Viele Start-ups haben dafür die passenden Lösungen parat. Das hat sie bei Kapitalgebern attraktiv gemacht.“

Gabriel geht davon aus, dass die hohe Dynamik auch 2021 im Markt erhalten bleibt: „Zahlreiche Jungunternehmen haben überzeugende Storys zu erzählen, bei denen es oft um gesellschaftliche Megatrends geht – Digitalisierung, Klima- und Umweltschutz oder Gesundheit beispielsweise. Da zahlreiche Investoren nach Anlagemöglichkeiten suchen und in den Start-ups Potenzial erkennen, rechnen wir mit einem weiteren starken Finanzierungsjahr.“

Die Entwicklung in Österreich

In Österreich ist der Gesamtwert des Investitionsvolumens 2020 um rund 16 Prozent von 183 Millionen Euro auf 212 Millionen Euro gestiegen. Damit belegt Österreich Rang 16 im europäischen Vergleich. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Finanzierungsrunden österreichweit deutlich nach oben gegangen: Sie stieg von 88 auf 145 – in dieser Hinsicht rangiere Österreich weiterhin unter den Top-10-Start-up-Standorten in Europa und belege den neunten Platz.

In Wien stieg das Investitionsvolumen von 140 Millionen Euro auf rund 177 Millionen Euro – damit stößt die österreichische Hauptstadt in die europäischen Top-20 vor und verbessert sich von Platz 23 auf Rang 16. Die Anzahl der Finanzierungsrunden hat sich gegenüber dem Vorjahr sogar von 46 auf 92 verdoppelt – das bedeute Platz elf im europaweiten Vergleich.

Diese österreichischen Start-ups erhielten das meiste Geld

  • Die größte Finanzierung des Jahres konnte sich laut EY der Neobroker Bitpanda mit 45,6 Millionen Euro sichern.
  • PlanRadar, ein Software-Unternehmen für Baudokumentation, erhielt die zweitgrößte Finanzierung mit 30 Millionen Euro.
  • Auf Platz 3 landet das Marketing-Analytics-Unternehmen Adverity, das 26,3 Millionen Euro erhielt.

Die Aussichten

Auch in einem durch die Corona-Pandemie und viel Unsicherheit gekennzeichneten Jahr ist wieder sehr viel Geld an europäische Jungunternehmen geflossen – allerdings ging das Gros der Summe erneut an einige große und bereits mit viel Kapital ausgestattete Unternehmen, so Florian Haas, Leiter des Start-up-Ökosystems bei EY.

„Für den Start-up-Standort Österreich war das Jahr 2020 insbesondere in Anbetracht der Umstände sehr erfolgreich – das Volumen der Investitionen stieg wie schon 2019 auf ein neues Rekordniveau. Allerdings hat sich der Trend fortgesetzt, dass es in Österreich viele kleine Finanzierungen gibt: Die Top-10-Deals in Österreich hatten 2020 ein Durchschnittsvolumen von knapp 17 Millionen Euro – die Schweiz liegt bei 67 Millionen Euro, Deutschland bei 154 Millionen Euro. Das Rekord-Investment Anfang 2021 für Bitpanda, die auch schon 2020 die größte Finanzierungsrunde verzeichnen, ist daher – zumindest noch – nur ein erfreulicher Ausreißer nach oben. Für das Start-up-Ökosystem in Österreich wäre es sehr wichtig, dass Großinvestitionen keine Ausnahme bleiben. Für eine internationale Skalierung und den länderübergreifenden Erfolg braucht es eine gut gefüllte Kassa für Investitionen, die momentan nur einzelne heimische Start-ups haben“, so Haas.

Viel Geld für große Fische, wenig für die kleinen

Abseits weniger großer Investments sei die Situation bei vielen Start-ups in Österreich durch die Coronakrise weiter angespannt: An Expansion sei bei vielen Unternehmen derzeit nicht zu denken – insbesondere auch nach dem Auslaufen der staatlichen Hilfen werde es beim Großteil der Start-ups darum gehen, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten, den Kapitalabfluss zu minimieren und möglichst viel Geld im Unternehmen zu halten, so Haas: „Die Mehrzahl der Start-ups ist nur für einige Monate durchfinanziert, danach benötigen sie frisches Geld. Das Anstoßen von privaten Investitionen, wie es zum Beispiel durch den Covid-Start-up-Hilfsfonds geschafft wurde, ist dafür essenziell. Eine Neuauflage wäre daher gerade in der aktuellen Situation ein dringend notwendiger Impuls“.

Für das Gesamtjahr 2021 für die österreichische Start-up-Szene ist Haas hingegen optimistisch: „Die deutlich gestiegene Zahl an Finanzierungsrunden im Corona-Jahr 2020 unterstreicht, dass insbesondere die anhaltende Niedrigzinspolitik sehr viel Geld ins System bringt und gerade VC-Investoren gleichzeitig volle Taschen und Finanzierungsdruck haben. Profitieren davon werden vor allem Tech- und Health-Unternehmen, weil dort starke Skalierungen möglich sind. Bei den größten Finanzierungsrunden wie Bitpanda, PlanRadar oder Adverity haben immer US-Investoren in heimische Tech-Unternehmen investiert. Dieses Muster werden wir auch 2021 sehen“.

 

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