Gastbeitrag: Thema Gleitzeit – immer aktuell

Martin Risak ©Peter Reitmayer

Homeoffice & Co. Die Corona-Pandemie beschleunigt die Flexibilisierung der Arbeitszeit, schildert Fachautor Martin Gruber-Risak in seinem Gastbeitrag: Er empfiehlt rechtzeitige Gleitzeit-Vereinbarungen.

Die Entwicklung des Arbeitsrechtes in Zeiten der Digitalisierung geht eindeutig in Richtung Entgrenzung aller wesentlichen Aspekte des Arbeitsverhältnisses: Zeit und Ort ebenso wie die Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe werden immer flexibler. Und die Covid-19-Pandemie hat diese Entwicklung noch wesentlich beschleunigt, da viele gerade im letzten Jahr bemerkt haben, dass gleichzeitige Anwesenheit an einem konkreten Ort nicht immer erforderlich ist, sondern es vielmehr sogar produktiver sein kann den Arbeitenden Spielräume einzuräumen. Agiles Arbeiten, virtuelle Betriebe, Home-Office und mobiles Arbeiten und nicht zuletzt auch die Gleitzeit ist daher gerade jetzt in aller Munde.

Gleitende Arbeitszeit beliebtes Modell

Es zeigt sich auch heute, dass sich die gleitende Arbeitszeit als Modell flexibler Arbeitszeit nach wie vor in der Praxis sowohl bei beiden Seiten des Arbeitsverhältnisses großer Beliebtheit erfreut und deshalb sehr weit verbreitet ist. In letzter Zeit wurde jedoch mehrfacher Änderungsbedarf gesehen und bestehende Vereinbarungen werden nach und nach an geänderte Rahmenbedingungen angepasst.

Einerseits ist das auf das Arbeitszeitpaket 2018 zurückzuführen, das diesbezüglich einige Neuerungen gebracht hat:

  • So kann die zuschlagsfreie Normalarbeitszeit nunmehr auf bis zu 12 Stunden täglich ausgeweitet werden (bisher 10 Stunden), aber nur, wenn die ganztägige Möglichkeit des Zeitausgleichs besteht.
  • Zudem wurde in das Arbeitszeitgesetz eine Überstundendefinition aufgenommen, die einige, aber definitiv nicht alle bisherigen Streitfragen löst.
  • Und dazu kam außerdem noch die generelle Ausweitung der Höchstarbeitszeiten auf 12 Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche.

All dies führte dazu, dass in den letzten Jahren bestehende Gleitzeit(betriebs)vereinbarungen überarbeitet wurden um diese Änderungen entsprechend abzubilden.

Und dann kam die Pandemie und der Umstand, dass nunmehr viel mehr Personen von zu Hause aus im Homeoffice arbeiten, was auch für die Gleitzeit zahlreiche Fragen aufwirft:

  • Will man hier im selben Ausmaß den Erwerb von Zeitguthaben zulassen?
  • Soll es hier nur Saldoaufzeichnungen geben?
  • Wie kontrolliert man eigentlich die Arbeitszeit?

Es zeigt sich dabei erneut, dass bei der Gleitzeit ein großer Gestaltungsspielraum besteht und dass sich beide Seiten häufig nicht aller Möglichkeiten bewusst sind, die damit eröffnet werden um auf die konkreten Bedürfnisse der Betriebe und der Arbeitenden zu reagieren. Sie schöpfen somit das ihnen zur Verfügung stehende Regelungspotenzial der Gleitzeitvereinbarung nur selten zur Gänze aus.

Besser gleich eine Vereinbarung treffen statt später streiten

Wir verstehen daher gerade die Gleitzeit(betriebs)vereinbarung und die mit ihr eröffneten Gestaltungsmöglichkeiten in erster Linie als Chance für die Parteien, potenzielle Konflikte zu antizipieren und diese zu einem möglichst frühen Zeitpunkt einer fairen, die Interessen beider berücksichtigenden Lösung zuzuführen, bevor konkrete Probleme auftreten und dann nur noch die jeweiligen Positionen verteidigt werden. Ausgewogene Lösungen sind dann nur mehr begrenzt und schwierig möglich.

In diesem Sinne wollen wir mit unserem soeben in 3. Auflage erschienenen und grundlegend überarbeitenden Praxishandbuch „Gleitzeit“ zur Unterstützung einerseits eine fundierte arbeitszeitrechtliche Basis für die Verhandlung und den Abschluss von Gleitzeit(betriebs)vereinbarungen und andererseits Vorschläge zur Lösung von in der Praxis häufig auftretende Probleme im Zusammenhang mit diesem Arbeitszeitmodell bieten.

Der Autor und die Neuerscheinung

Dr. Martin Gruber-Risak ist Universitätsprofessor am Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien. Er hat gemeinsam mit Dr. Andreas Jöst (CMS Reich-Rohrwig Hainz Rechtsanwälte) und Ing. Mag. Ernst Patka (Patka Know & How, Chefredakteur „Personalverrechnung für die Praxis“ bei LexisNexis) das „Praxishandbuch Gleitzeit“ bei Facultas verfasst.

Das Buch soll die arbeitszeitrechtlichen Grundlagen, flexible Arbeitszeitmodelle und die Grundlagen der Gleitzeit darstellen. Weiters werden für die Praxis wesentliche Gestaltungs- und Abwicklungsfragen behandelt wie Zeitkonten, Überstunden und Abwesenheiten bei Gleitzeit sowie die Kombination mit anderen Arbeitszeitmodellen. Auch sozialversicherungs- und steuerrechtliche Aspekte werden behandelt. Der Titel ist in überarbeiteter und erweiterter 3. Auflage erschienen, zu den Neuerungen zählen u.a. die Änderungen für das Arbeitszeitpaket 2018.

 

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