23. Jun 2021   Business Recht

Die Pleiten-Pipeline ist gut gefüllt, so Coface

Dagmar-Koch ©Sabine Hauswirth

Paris/Mainz/Wien. Durch die staatlichen Corona-Hilfen ist die Zahl der Pleiten derzeit extrem niedrig. Das wird sich ändern: Allein in Deutschland stecken 4.030 Insolvenzen in  der „Pipeline“, so Kreditversicherer Coface.

In Deutschland ist die Zahl der Insolvenzen im vergangenen Jahr trotz der schwersten Rezession seit 2009 deutlich gesunken. Eine Auswertung des Kreditversicherers Coface zeigt: Dieser Rückgang betreffe nicht alle Branchen und Bundesländer gleichermaßen. Den rückläufigen Insolvenzzahlen stehe ein massiver Anstieg von Forderungen gegenüber. 4.030 Pleiten stecken aktuell in der Pipeline.

Die Nachzieheffekte

Im Jahr 2020 wurden in Deutschland 15.840 Unternehmen zahlungsunfähig. Das ist der niedrigste Stand seit 1993 und der stärkste Rückgang (-15,5 Prozent gegenüber 2019) seit 1975. Grund dafür sind die massiven staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. Diese haben sich allerdings ganz unterschiedlich auf einzelne Branchen oder Regionen ausgewirkt, so Coface.

Denn um Corona-Hilfen zu erhalten, mussten Unternehmen nachweisen, dass ihr Geschäftsmodell vor der Pandemie, also im Dezember 2019, funktionierte. „Sowohl die Metall- als auch die Automobilbranche befanden sich jedoch seit Ende 2018 in der Rezession. Dadurch erfüllten einige Unternehmen diese Kriterien nicht und erhielten keine staatliche Unterstützung“, erklärt Coface-Volkswirtin Christiane von Berg. Folglich stiegen die Insolvenzen im Metallsektor im vergangenen Jahr um 7,1 Prozent, der Anstieg im Automobilsektor betrug 31,6 Prozent.

In den Autoländern stottert der Motor

Unterschiede waren auch innerhalb der Bundesländer zu beobachten. Fast alle Länder meldeten einen Rückgang der Insolvenzen – mit Ausnahme des Stadtstaats Bremen. Dort stieg die Zahl der Unternehmenspleiten um 8 Prozent gegenüber 2019, was vor allem auf die Bereiche Unternehmensdienstleistungen, Verarbeitendes Gewerbe und Transport zurückzuführen sei. Unter dem Bundesdurchschnitt lagen die Rückgänge auch in Hessen (-8,4 Prozent) und den beiden „Autoländern“ Baden-Württemberg und Niedersachsen mit jeweils -11,9 Prozent.

Insolvenzforderungen auf Höchststand seit 2009

„Man könnte also meinen, dass Deutschland im Hinblick auf Unternehmenspleiten sehr gut dasteht. Doch der Schein trügt, denn die Zahl allein gibt keine Auskunft über den wirtschaftlichen Schaden“, warnt Christiane von Berg. So schätzt das Statistische Bundesamt, dass sich die zu erwartenden Forderungen aus Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2020 auf 44,1 Mrd. Euro summieren. Das wäre der höchste Stand seit 2009 und im Vergleich zu 2019 eine Steigerung um 65 Prozent.

Einige Sektoren stechen bei diesem Vergleich hervor, insbesondere die Informations- und Kommunikationsbranche. Sie meldete einen Anstieg um 2.767 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Das kommt auf den ersten Blick einigermaßen überraschend, ist allerdings mit der Pleite des Abrechnungsdienstleisters AVP zu erklären, der mit vielen Apotheken zusammengearbeitet hat“, sagt Christiane von Berg. Am anderen Ende des Spektrums stiegen die Schäden im Baugewerbe nur um 7 Prozent, im Transportwesen gingen sie gar um 84 Prozent zurück.

Bis zu 4.030 Pleiten in der Pipeline

Viele Unternehmen haben nach den Wirtschaftskrisen 2002 und 2009 mehr Eigenkapital aufgebaut und gingen dadurch stabiler in die aktuelle Krise. „Irgendwann sind diese Reserven aufgebraucht. Für viele wird die aktuelle Situation zu lange andauern, sie werden es nicht schaffen“, sagt Christiane von Berg. Darauf deutet auch die Zahl der Anmeldungen für ein Regelinsolvenzverfahren hin. Seit April 2020 war sie rückläufig, der Trend änderte sich im Oktober 2020. Seitdem steigen die Zahlen – mit einer Ausnahme im Januar 2021 – wieder. Im Februar 2021 registrierte das Statistische Bundesamt 30 Prozent mehr Insolvenzanträge als im Vormonat, im März wurde mit +37 Prozent der höchste Stand seit März 2017 erreicht.

Im April gingen die neuen Anträge etwas zurück, bleiben aber auf hohem Niveau. Laut einer Simulation von Coface hätten die Gesamtinsolvenzen im Jahr 2020 auf Grundlage des Konjunktureinbruchs um 6 Prozent gegenüber 2019 ansteigen müssen. In der Realität sind sie um 15,5 Prozent gesunken. Daher könnte ein Anteil von bis zu 21,5 Prozent (bzw. 4.030 Insolvenzen) in der Pipeline stecken und sich 2021 und 2022 materialisieren. Das Gros dürfte aus dem Gastgewerbe kommen, wo Coface bis zu 660 „versteckte“ Insolvenzen erwartet, gefolgt von Transport und Bau mit jeweils bis zu 420, dem Verarbeitenden Gewerbe (230) und dem Einzelhandel (190).

Die Situation in Österreich

„In Österreich gingen im Jahr 2020, während einer der schärfsten Rezessionen in der Geschichte, die Insolvenzen sogar um 48 Prozent zum Vorjahr zurück. Gerade das Gastgewerbe, das von den Schließungen der Grenzen und der abgesagten Skisaison für Ausländer besonders betroffen war, verzeichnete gleichzeitig den stärksten Rückgang der Insolvenzen von allen Haupt-Branchen mit sage und schreibe minus 59 Prozent zum Vorjahr. Die Insolvenzen der Baubranche gingen vergleichsweise nur um 29 Prozent zurück“, so Dagmar Koch, Country Managerin von Coface Österreich. Zahlen über die zu erwartenden Pleiten in der Österreich-Pipeline erwähnt sie allerdings nicht.

 

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