23. Jul 2021   Business Recht Steuer Tech

Start-ups: (K)ein Finanzierungswunder in Österreich

Florian Haas ©EY / Robert Herbst

Wien. Österreichische Start-ups erhielten im ersten Halbjahr 518 Mio. Euro frisches Kapital, mehr als viereinhalb Mal so viel wie im Vorjahr. Doch aus Sicht der Mehrheit gibt es einen großen Haken.

Zwar floss heuer insgesamt wesentlich mehr Geld an junge Technologie-Unternehmen mit Hauptsitz in Österreich. Doch ging der Geldsegen fast ausschließlich auf zwei spezifische Start-ups nieder: GoStudent und Bitpanda konnten gemeinsam in diesem Jahr bereits rund 426 Millionen Euro einsammeln – das entspricht mehr als vier Fünftel der insgesamt von österreichischen Start-ups lukrierten Finanzierungen, so eine Studie von EY.

Die vielen hundert übrigen Start-ups konnten sich dagegen nicht über Zuwächse freuen – im Gegenteil: Bei ihnen gingen die Finanzierungsrunden (wenn sie überhaupt welche durchführen konnten) im Durchschnitt sogar merklich zurück. Der heimische Kapitalmarkt habe also immer noch viel Nachholbedarf, heißt es bei EY.

Die großen Deals

Mit insgesamt vier im Jahr 2021 abgeschlossenen Runden belegen die beiden Unternehmen Bitpanda und GoStudent auch vier der Top-5-Plätze der größten Finanzierungsrunden:

  • Die größte Transaktion in Österreich war eine Finanzspritze von 205 Millionen Euro für das EduTech-Unternehmen GoStudent, das mit einer weiteren Finanzierungsrunde in der Höhe von 70 Millionen Euro auch Rang 3 belegt.
  • Auf Platz 2 kommt der Neobroker Bitpanda mit 141 Millionen Euro, ebenso wie auf Platz 5 mit einer Erweiterungsrunde in der Höhe von rund 10 Millionen Euro.
  • Den vierten Platz erreicht der oberösterreichische Haustier-Tracker-Hersteller Tractive (29 Millionen Euro).

Das sind Ergebnisse des Startup-Barometers Österreich der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Berücksichtigt wurden laut den Angaben Unternehmen mit Hauptsitz in Österreich, deren Gründung höchstens zehn Jahre zurückliegt.

„In ein zu positives Licht gerückt“

„Das erste Halbjahr 2021 hat der österreichischen Start-up-Szene einen neuen Finanzierungsrekord gebracht. Die zwei Unicorns GoStudent und Bitpanda sind hervorragende Zugpferde, die dem heimischen Start-up-Ökosystem starke internationale Aufmerksamkeit bescheren und Österreich nachdrücklich auf die Landkarte internationaler Investorinnen und Investoren gehievt haben. Dass es in den ersten Wochen des zweiten Halbjahres bereits einige größere Millionen-Runden gegeben hat, unterstreicht diese positive Entwicklung“, sagt Florian Haas, Leiter des Start-up-Ökosystems bei EY Österreich: „Allerdings überstrahlen die Finanzierungsrunden für Bitpanda und GoStudent das Start-up-Halbjahr deutlich und rücken es in ein mitunter zu positives Licht.“

Denn ohne die beiden Unicorns wäre das durchschnittliche Finanzierungsvolumen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar gesunken, so Haas: „Zudem konnten weniger Start-ups frisches Kapital im Rahmen von Finanzierungsrunden einsammeln.“

Ein Boom in Europa

  • Die Anzahl der Finanzierungsrunden für österreichische Start-ups ist in den ersten sechs Monaten 2021 laut der Studie konkret um rund 17 Prozent von 77 auf 64 zurückgegangen.
  • Das durchschnittliche Volumen der Deals, bei denen eine Summe veröffentlicht wurde, hat sich zwar von knapp 2,5 Millionen Euro auf rund neun Millionen Euro mehr als verdreifacht. Rechnet man die Mega-Deals für Bitpanda und GoStudent heraus, ergebe sich hingegen ein Rückgang auf rund 1,7 Millionen Euro.

Im europaweiten Vergleich bleiben die Finanzierungsrunden in Österreich damit vergleichsweise klein. „Im vergangenen Jahr hatte die Pandemie in den meisten europäischen Ländern zu einem leichten Dämpfer beim Finanzierungsvolumen geführt – Österreich war hier eine der wenigen Ausnahmen“, so Haas. „In diesem Jahr sehen wir einen starken Corona-Effekt in die umgekehrte Richtung: Die Finanzierungsaktivitäten und -summen in Europa explodieren geradezu.“

Vergleiche man die Volumina in Österreich mit vergleichbaren Standorten in Hinblick auf die Einwohnerzahl wie Schweden oder Finnland, dann zeige sich, dass sich die österreichische Start-up-Szene trotz Rekordjahr mit kleinen Runden begnügen muss. Dabei gebe es durchaus noch Potenzial für vielversprechende Scale-ups in Österreich, heißt es.

Chancen auf neue Unicorns

Das aktuelle Umfeld lässt aus Sicht von Haas jedenfalls darauf hoffen, dass die positive Entwicklung in den nächsten Monaten anhält und weitere heimische Start-ups den Unicorn-Stempel bekommen: „Der Finanzierungsboom hat mehrere Gründe. Zum einen ist sehr viel Liquidität im Markt, die im aktuellen Niedrigzinsumfeld nach attraktiven Anlagemöglichkeiten sucht. Vor allem aber sieht der Markt inzwischen völlig neue Perspektiven für innovative Technologieunternehmen.“

Die Digitalisierung habe im Pandemiejahr einen riesigen Schritt nach vorn gemacht: Der Knoten sei geplatzt, und neue, disruptive Geschäftsmodelle werden jetzt mit ganz anderen Augen gesehen als vor der Pandemie. „Unter diesen Voraussetzungen ist zu erwarten, dass wir heuer sogar die Marke von einer Milliarde Euro Finanzierungen für österreichische Start-ups überschreiten – dass im Juli bereits rund 100 Millionen Euro investiert wurden, unterstreicht das“, so Haas.

Rahmenbedingungen verbessern

Die positive Entwicklung des österreichischen Start-up-Ökosystems in den letzten Jahren und die insbesondere im ersten Halbjahr 2021 verstärkte Aufmerksamkeit – in Österreich und darüber hinaus – müsse zum Anlass genommen werden, die Rahmenbedingungen für Gründer, Start-ups und Investoren zu verbessern. „Das positive Momentum, das auch stark durch US-Investoren getrieben wird, muss jetzt genutzt werden, um dringend notwendige Weichenstellungen vorzunehmen und die Start-up-Szene in Österreich zu unterstützen“, so Haas.

Er nennt Anreize für mehr Risikokapital-Spritzen ebenso wie einfachere Möglichkeiten zur Anstellung („Stichwort Rot-Weiß-Rot-Karte“) oder Beteiligung von MitarbeiterInnen, wie sie in Deutschland gerade auf den Weg gebracht wurden, sowie eine Entbürokratisierung von Unternehmensgründungen.

„Der fast schon wöchentlich aufbrandende kollektive Jubel über große Finanzierungsrunden und steigende Volumina in österreichische Start-ups darf nicht überdecken, dass der Venture-Capital- und Private-Equity-Markt in Europa immer noch erheblichen Aufholbedarf hat. Europäische GeldgeberInnen – insbesondere institutionelle wie Pensionskassen oder Versicherungen – stehen bei größeren Investitionsrunden zumeist an der Seitenlinie und sind nur bei Runden im niedrigen zweistelligen Millionenbereich wirklich im Spiel“, so Haas. Hier sei auch der Abbau regulatorischer Hürden gefragt.

Die erfolgreichsten Branchen

Die meisten Finanzierungsrunden wurden in Österreich im ersten Halbjahr 2021 im Gesundheits-Bereich gezählt: Ihre Zahl sank zwar von 17 auf 15, allerdings ging die Anzahl an Finanzierungsrunden für den im Vorjahr an der Spitze liegenden Bereich Software & Analytics noch stärker von 24 auf 13 zurück. Mit SaaS, Artificial Intelligence, Virtual Reality, Blockchain, Cloud, Cyber Security sowie Data Analytics umfasst dieser Bereich Start-ups mit neuen Technologien. In den Bereichen e-commerce, FinTech, Mobility und Education, die die Ränge drei bis sechs der Rangliste belegen, wurden jeweils mehr Deals gezählt als im ersten Halbjahr 2020.

Aufgrund der großen Finanzierungsrunden für GoStudent und Bitpanda konnten gleich zwei Branchen im ersten Halbjahr 2021 Finanzierungssummen jenseits der 100-Millionen-Euro-Marke anziehen. Finanzierungssummen jenseits der 10 Millionen Euro-Marke erhielten darüber hinaus die Bereiche e-commerce, Software & Analytics und Health.

Erneut gab es in Wien besonders viele Investitionen, die Hauptstadt konnte ihren Vorsprung als Start-up-Hotspot gegenüber den anderen Bundesländern klar behaupten: Trotz eines Rückgangs der Finanzierungsrunden um ein Viertel von 55 auf 41 liegt Wien unangefochten an der Spitze, auf dem zweiten Platz liegt wie schon im Vorjahr Oberösterreich (8), dahinter folgt die Steiermark (5).

Das Investitionsvolumen in Wien hat sich von 121 auf 464 Millionen Euro fast vervierfacht. Sogar mehr als versechsfacht haben sich die Finanzierungssummen in Oberösterreich: von sechs Millionen auf 39 Millionen Euro.

 

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