06. Okt 2021   Business Recht

Wo die Insolvenzwelle schneller zu rollen beginnt

Gudrun Meierschitz ©Martina Draper

Insolvenzprognose. Österreich liegt bei der Zahl der Firmenpleiten weiterhin deutlich unter Vorjahr. In wichtigen Exportländern sieht es anders aus, so Kreditversicherer Acredia.

Großinsolvenzen blieben bisher aus, sowohl die nationale wie die globale Trendwende wird erst für 2022 erwartet, heißt es nun in der neuen Insolvenzstudie von Kreditversicherung Acredia in Zusammenarbeit mit Euler Hermes.

Es zeichne sich aber bei den globalen Insolvenzen ein Wechsel aus Licht und Schatten ab: 2022 dürften die weltweiten Insolvenzen allmählich auf das Ausmaß von vor der Pandemie zurückkehren – allerdings in einem langsamen Tempo, angepasst an die Rücknahme der umfangreichen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen.

Trotz eines erwarteten Anstiegs von rund 15% dürften die globalen Fallzahlen 2022 im Durchschnitt weiterhin 4% niedriger liegen als 2019 – vor der Pandemie. Dennoch kehren insbesondere Exportrisiken stärker zurück als bisher. 2020 lag der Rückgang bei den weltweiten Pleiten bei 12% und auch im laufenden Jahr zeichne sich ein weiterer Rückgang um rund 6% ab.

Staat stützt weiter

„Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen haben ihr Ziel erreicht, möglichst viele Insolvenzen zu verhindern“, sagt Acredia-Vorständin Gudrun Meierschitz. „In Westeuropa haben die Maßnahmen jede zweite Pleite verhindert, in den USA jede dritte. Für heuer zeichnet sich keine Trendwende ab: Die Verlängerung zahlreicher Programme wird die Insolvenzen im Jahr 2021 auf einem weiterhin niedrigen Niveau halten. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich davon ab, wie die Regierungen in den kommenden Monaten handeln. Erst ab 2022 dürfte sich das weltweite Insolvenzgeschehen wieder schrittweise normalisieren.“

Österreich verzeichnet um fast die Hälfte weniger Insolvenzen als 2020

„Österreich verzeichnet ein Minus von 45,1% bei den Gesamtinsolvenzen gegenüber 2020. Das entspricht rund 1.000 Fällen gegenüber 1.927 Fällen im Vorjahr. Die Insolvenzverbindlichkeiten sind ebenfalls stark gesunken – von 1,744 Millionen Euro in 2020 auf 365 Millionen Euro in 2021. Das liegt daran, dass es keine Großinsolvenzen gibt“, so Meierschitz.

Acredia erwarte keine Insolvenzschockwelle für den Rest des Jahres 2021, aber einen leichten wöchentlichen Anstieg ab Herbst mit einer Rückkehr zum Vorkrisen-Niveau. Diesen Trend bestätigen die Zahlen seit Juli 2021 nach Auslaufen der staatlichen Förderungen. „Mit Jahresende erwarten wir in etwa die gleiche Fallzahl wie 2020, also rund 3.000 Insolvenzfälle in Österreich“, so Meierschitz.

Einen starken Rückgang bei den Fällen gab es im Bau- und Baunebengewerbe, dem Dienstleistungssektor sowie Gastronomie und Tourismus. Für 2022 prognostiziert Acredia einen Anstieg der Firmenpleiten in Österreich auf 4.500 bis 5.000 Fälle.

Leichter Anstieg in Deutschland erst 2022

In Deutschland kündigt sich für 2021 zunächst ein weiterer Rückgang von 5% bei den Insolvenzen auf rund 15.000 Fälle an: Vor der Pandemie waren es 2019 noch 18.749 Fälle; 2020 sind diese dann im Zuge der staatlichen Hilfsprogramme um 16% auf 15.840 Fälle gesunken. 2022 dürften aber auch hier die Pleiten wieder um rund 9% auf etwa 16.300 Fälle zunehmen, heißt es.

Die relativ gute Ausgangslage, eines der größten staatlichen Unterstützungsprogramme und die wieder anziehende Weltwirtschaft haben deutschen Unternehmen eine gute Startposition verschafft, um sich auf die neue Normalität einzustellen, heißt es zur Lage auf Österreichs wichtigstem Exportmarkt.

Starke Anstiege in Italien und Spanien

In einigen Ländern steigen die Insolvenzen 2021 allerdings gegen den Trend. Die Entwicklung sei global sehr unterschiedlich:

  • So steigen Insolvenzen in Westeuropa 2021 voraussichtlich in Italien (+47%), Spanien (+30%), Großbritannien (+10%), Luxemburg und der Schweiz (je +4%) sowie in Belgien (+3%).
  • In Osteuropa verzeichnen insbesondere Polen (+62%), Ungarn (+20%), Rumänien (+8%) und Bulgarien (+5%) steigende Fallzahlen.
  • In Asien sind es Hongkong (+24%), Indien (+13%) und Taiwan (+10%).
  • In Afrika dürften Marokko (+48%) und Südafrika (+8%) den stärksten Anstieg sehen,
  • in Südamerika sind Kolumbien (+12%) und Brasilien (+6%) besonders betroffen.

Die globale Lage ist die Frage

Die neue Normalität bei den Insolvenzen berge in allen Regionen weiterhin Risiken, die Unternehmen im Auge behalten sollten, heißt es weiter. So spiele das Zusammenspiel von globaler und lokaler wirtschaftlicher Entwicklung eine große Rolle, und ebenso die Rolle, die die Staaten bei der weiteren Stützung von Unternehmen in der Krise zu spielen bereit sind. Auf die aktuelle Krise der Immobilienriesen in China geht Acredia in ihrer Prognose allerdings noch nicht ein.

Die rasche Erholung der Unternehmensgründungen sei zwar eine positive Nachricht, die aber auch eine Kehrseite der Medaille hat: Junge Unternehmen sind traditionell anfälliger für Insolvenzen. Zudem vergrößere diese Entwicklung die Basis für potenzielle Insolvenzen insbesondere in Bereichen, in denen die Gründung von Unternehmen in hohem Maße mit in der Pandemie neu entstandenen Bedürfnissen zusammenhängt wie zum Beispiel Hauszustellungen, deren langfristige Tragfähigkeit jedoch unsicher sei.

 

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