Das sind die Sieger des Living Standards Award 2022

Die Preisträger des Living Standards Awards 2022 ©Inge Funke

Wien. Der Living Standards Award von Austrian Standards ging im 8. Jahr an CNSystems, ELGA, die Montanuni Leoben, OFI und Viewpointsystem.

Am 19. Mai 2022 wurde in Wien zum achten Mal der Living Standards Award verliehen. Er ist laut den Angaben Österreichs bedeutendster Preis für Standardisierung und Innovation; immerhin wird er vom Normungsinstitut Austrian Standards verliehen. 30 Einreichungen ritterten um die Preise, 16 schafften es auf die Shortlist und fünf Sieger konnten letztendlich eine Trophäe mitnehmen. Dabei waren rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, dem Start-up-Bereich und der Verwaltung bei der virtuellen Zeremonie anwesend, so die Veranstalter.

Die Auszeichnung

Seit 2015 verfolge der Preis das Ziel, den oft versteckten Erfolgsgeschichten rund um die Entwicklung und Anwendung von Standards Sichtbarkeit zu verleihen. Der Event soll die größere Community hinter Normen & Co vor den Vorhang holen: Standards entstehen durch das Praxiswissen von Expertinnen und Experten, die in verschiedenen Gremien zusammenwirken. Allein in Österreich sind laut den Angaben rund 4.450 Fachleute an der Entwicklung von Standards beteiligt.

Die Preisträger beim Living Standards Award 2022

Der Preis wurde heuer in den Kategorien „Developing Future Technology“, „Reaching International Markets“, „Enabling Solutions“ und „IEEE Standards“ verliehen.

Massentaugliche Datenbrillen durch Eye-Tracking

Kategorie „Developing Future Technology“. Datenbrillen mit den Augen bedienen? Die Viewpointsystem GmbH aus Wien biete mit Digital Iris Inside – einer All-in-One-Modulserie – erstmals eine standardisierte und sofort einsatzbereite Eye-Tracking-Technologie. Das erste Miniatur-Augensensormodul ESM 22 ist als einrastender Nasenflügel konzipiert. Es kann nahezu unsichtbar in bestehende Brillen (Virtual und Augmented Reality) integriert werden. Dadurch eröffnen sich neue, intuitive und nutzerfreundlichere Steuerungsformen für Smart Glasses. Dabei sollen die Datenbrillen die Zusammenarbeit auf Distanz erleichtern.

So kann eine Person eine andere, die sich tausende von Kilometern entfernt befindet, bei sensiblen Arbeiten und Arbeitsschritten anleiten oder diese mit den empfangenen Augendaten führen. Dank Eye Tracking werde erkannt, wo die Aufmerksamkeit der Brillenträger*in liegt und welche Informationen benötigt werden. Bei der Produktentwicklung wurden verschiedene Sicherheitsstandards berücksichtigt, darunter die EN 166 (Augenschutz) und IEC 62471 (Schutz vor LED-Licht).

Nicht-invasive, kontinuierliche Überwachung des Blutdrucks

Kategorie „Reaching International Markets“. Auf der Intensivstation oder bei einer Not-OP ist mitunter eine invasive, kontinuierliche Blutdruckmessung in einer Arterie notwendig. Diese Methode ist aufwändig, birgt Infektionsrisiken und ist sehr schmerzhaft. Die CNSystems Medizintechnik GmbH hat laut Jury die medizinische Herausforderung der kontinuierlichen und nicht-invasiven Messung des Blutdrucks vor langer Zeit erkannt. Nicht-invasiv bedeutet, dass keine Nadeln oder Leitungen in den Körper eingeführt werden müssen und die Überwachung, Diagnose und Behandlung von Patientinnen und Patienten verbessert werden können.

Für die maßgebliche Mitentwicklung des internationalen Standards ISO 81060-3 „Continuous non-invasive sphygmomanometers“ wurde die CNSystems Medizintechnik GmbH nun ausgezeichnet.

Medizinprodukt-Testung ohne Tierleid

Kategorie „Enabling Solutions“. Tierversuche ade? Mit dem Projekt „Biorelation“ hat das Österreichische Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI), Mitglied des Forschungsnetzwerks ACR – Austrian Cooperative Research, das Ziel verfolgt, eine validierte In-vitro-Screening-Methode zu entwickeln. Diese diene der Bewertung von sensibilisierenden und reizenden Eigenschaften bei Medizinprodukten und werde jetzt auch als anerkannte Alternative zu Tierversuchen in der ISO 10993 geführt.

Durch die In-vitro-Methode (Im-Glas-Methode) müssen keine Tierversuche mehr durchgeführt werden. Stattdessen verwenden Elisabeth Mertl und ihr Team im Labor Zellmodelle, um auf Hautreizungen und Hautsensibilisierungen zu testen, was früher geschehen kann und schneller sei als Tierversuche. Unter anderen hat das Projekt „Biorelation“ zur Weiterentwicklung des internationalen Standards ISO 10993 „Biological evaluation of medical devices“ beigetragen: Die entwickelten Testmethoden sind als anerkannte Alternative zu Tierversuchen im neuen ISO-Standard verankert.

Konsistente Berechnung des stofflich verwertbaren Anteils von Ersatzbrennstoffen

Kategorie „Developing Future Technology“. Energie und Rohstoff aus Müll? Im Rahmen des Projekts „ReWaste4.0“ hat die Montanuniversität Leoben in Kooperation mit Zementindustrie und Ersatzbrennstoffherstellern eine Methode zur Berechnung der stofflich verwertbaren Anteile von Ersatzbrennstoffen erarbeitet. Das Ausgangsmaterial dafür: Abfälle. Genauer gesagt, gemischte Siedlungs- und Gewerbeabfälle. Die Forschungsergebnisse der Universität führten laut den Angaben zur Entwicklung eines neuen internationalen Standards für das Recycling von Ersatzbrennstoffen im sogenannten Co-Processing.

Beim Co-Processing wird der Abfall-Ersatzbrennstoff gleichzeitig als Rohstoff und als Energiequelle verwendet, um natürliche Bodenschätze und fossile Brennstoffe wie Kohle in industriellen Prozessen zu ersetzen. Die von der Montanuniversität Leoben mitentwickelte ISO/AWI 4349 „Solid recovered fuels – Determination of the Recycling-Index for Co-Processing“ soll 2024 veröffentlicht werden. Auch eine Anerkennung im Rahmen der Recyclingziele des EU-Kreislaufwirtschaftspakets ist ein Thema.

Telemonitoring Episodenbericht für strukturierte Behandlungsprogramme im Gesundheitsbereich

Kategorie „IEEE Standards“. Mit dem „Telemonitoring Episodenbericht“ habe die ELGA GmbH die Datenweiterverwendung von Telehealth-Systemen revolutioniert. Patientinnen und Patienten können über bestehende Systeme, wie z. B. den HerzMobil-Systemen, Messwerte wie Körpergewicht, Blutzucker, Blutdruck oder Medikations-Einnahme-Daten nun in der ELGA speichern.

Der „Telemonitoring Episodenbericht“ schaffe eine neue Schnittstelle für die österreichische eHealth-Umgebung. Für die Umsetzung hat u. a. die IEEE-Standard-Serie 11073 „Service-Oriented Device Connectivity“ mitgeholfen. Der Bericht verbessere z. B. strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch Erkrankte. Gesundheitsanbieter (GDA) können zentral auf Gesundheitsdaten zugreifen. Dabei haben Patientinnen und Patienten die volle Transparenz über ELGA, wird versprochen. Die ELGA GmbH und die Projektpartner wurden in der Partnerkategorie „IEEE Standards“ ausgezeichnet. IEEE ist die größte technische Berufsorganisation von Ingenieuren und Wissenschaftern in der Elektrotechnik und Elektronik, mit rund 400.000 Mitgliedern.

Die Statements

  • Valerie Höllinger, seit dem Jahreswechsel neue CEO von Austrian Standards: „Ich bin begeistert von den neuen Projekten und Ideen. Die Herausforderungen der Zukunft verlangen smarte Lösungen und kluge Köpfe – wie sich zeigt, findet sich beides in der Standardisierung. Standards können Innovationstreiber sein und unseren Alltag verbessern – deshalb will ich gerade junge Unternehmen ermutigen, den wertvollen Beitrag, den Standards für ihr Geschäft leisten können, stärker zu nutzen.“
  • Auch der im September neu angetretene Präsident von Austrian Standards International, Anton Ofner, unterstreicht den Wert von Standards: „Aus meiner Erfahrung als Unternehmer kenne ich den praktischen Nutzen von Standards sehr gut. Sie helfen nicht nur Aufwand und Entwicklungszeit zu sparen, sondern liefern entscheidende Inputs, damit Produkte nicht am Markt vorbei entwickelt werden. Aus meiner Sicht sind die heimischen Forschungs- und Wirtschaftstreibenden sehr gut beraten, sich noch mehr in der Standardisierung zu engagieren.“
  • Die ausgezeichneten Leistungen der „Living Standards Award“-Preisträger wurden auch durch Umweltministerin Leonore Gewessler gewürdigt. Die Ministerin meldete sich mit einer Grußbotschaft zu Wort und unterstrich die Bedeutung von Standards für Österreichs Wirtschaft und deren Beitrag zum Durchbruch von Zukunftslösungen. „Standards schaffen Umweltstandards“, so Gewessler.

 

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