01. Jun 2022   Business Recht

Gastbeitrag: „Höchste Zeit für professionelle Litigation-PR“

Nicole Bäck ©Kurt Keinrath / EuP

Öffentlichkeit & Justiz. Derzeit herrscht viel Wirbel um Justizkrise, Aktenleaks und Message Control: Dahinter steht politische Kommunikation, die bei den Wählern punkten soll, so die PR-Profis Nicole Bäck und Vanessa Salzer in ihrem Gastbeitrag. Für professionelle Litigation-PR, die komplexe Sachverhalte verständlich macht, sei es dagegen höchste Zeit.

In den letzten Monaten berichteten die Medien intensiv über die Krise der Justiz, linke Zellen in Behörden, Aktenleaks und Message Control. Gleichzeitig tauchte immer öfters der Begriff der Litigation-PR auf. Doch besteht hier tatsächlich ein Zusammenhang? Und wenn ja, was hat der Hype um prozessbegleitende Öffentlichkeitsarbeit mit den aktuellen Skandalen in der Politik zu tun?

Vanessa Salzer ©Stiefkind Fotografie / EuP

Tatsache ist: Die politischen Krisen in Österreich, die durch die Veröffentlichung von brisanten Chats mitverursacht wurden, haben nur bedingt mit Litigation-PR zu tun. Hier geht es schlicht und einfach um politische Missstände, die publik wurden und nun rechtlich geprüft werden. Wenn Politiker*innen daraufhin diverse Institutionen öffentlich angreifen, so schaden sie nicht nur der Justiz als Ganzes, sondern erschweren auch die Ermittlungsarbeit der zuständigen Behörden. Diese Vorgehensweise fällt unter dem Begriff politische Kommunikation, die Angriffe auf politische Gegner – sei es eine Partei, eine Institution oder eine Person – dienen in erster Linie dazu, bei der eigenen Wählerschaft zu punkten.

„Komplexe gerichtliche Sachverhalte verständlich machen“

Bei der Litigation-PR hingegen geht es darum, komplexe gerichtliche Sachverhalte für eine breite Öffentlichkeit verständlich zu machen. Dabei ist das langfristige Ziel, die Reputation der beschuldigten Partei langfristig zu wahren. So fungiert die Litigation-PR als Bindeglied zwischen dem Gerichtssaal und den Medien, die jeweils nach ganz unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten funktionieren.

Gerichte sind einzig den Fakten, dem Gesetz und der Wahrheit verpflichtet, Medien hingegen lechzen nach einer guten Story, die emotionalisiert, leicht verständlich ist – und Quoten bringt. So müssen Journalisten vielschichtige und schwer zu durchschauende, seitenlange Prozessunterlagen oftmals in 30 Sekunden auf den Punkt bringen. Natürlich gibt es journalistische Formate, die in die Tiefe gehen und sich mit Details auseinandersetzen. Aber in der Regel wollen Medien eine zugespitzte, einfache Geschichte erzählen, die die Öffentlichkeit fesselt und ihr ermöglicht, sich rasch eine klare Meinung zu bilden. Wie bei einem Märchen lassen sich daher Archetypen gut verkaufen: das Gute gegen das Böse, David gegen Goliath, der Rebell gegen das System. Ganz nach dem Motto: Die Welt ist schon kompliziert genug, bitte eine einfache Erklärung!

Dass es dabei immer wieder zu Leaks aus Ermittlungsakten kommt, hat vor allem einen Grund: Alle involvierten Parteien haben ein Recht auf Akteneinsicht, können die Akten ganz legal kopieren – und bei Interesse an die Öffentlichkeit weitergeben. Das kann aus Sicht der Litigation-PR Sinn machen, um zum Beispiel ein Thema neu zu besetzen oder von einem anderen abzulenken.

„Die eigene Geschichte erzählen“

Wer sich der Litigation-PR bedient, will also seine eigene, verständliche Geschichte erzählen, noch bevor die Medien eine eigene formulieren. Ziel ist dabei nicht in erster Linie, den Prozess zu beeinflussen. Sehr wohl setzt sich die Litigation-PR aber dafür ein, den Gerichtssaal der öffentlichen Meinung für sich zu gewinnen. Das ist legitim, vor allem wenn Prozesse jahrelang dauern und die Unschuldsvermutung gilt. Auch ist die Litigation-PR bemüht, dass es zu keiner Vorverurteilung kommt, denn sie ist in den meisten Fällen nur schwer wieder gut zu machen. Insbesondere in sozialen Medien kann dies eine unheilvolle Dynamik entwickeln, die für alle Beteiligten extrem belastbar ist – siehe den aktuellen Promi-Fall Johnny Depp vs. Amber Heard.

Die auch in Österreich stattfindende Professionalisierung der Litigation-PR ist daher ausnahmslos zu begrüßen und darf nicht mit politischer Kommunikation verwechselt werden. Alle involvierten Parteien werden sich unweigerlich mit der Frage, wie über öffentlichkeitsrelevante Prozesse kommuniziert werden soll, zunehmend beschäftigen (müssen). Das gilt umso mehr auch für politische Behörden. Sie müssen in Zukunft transparenter und offener agieren lernen, und das ist gut so: Denn dies wird zwangsläufig zu weniger Korruption und politischen Krisen führen.

Die Autorinnen

Mag. Nicole Bäck-Knapp, MSc ist Geschäftsführende Gesellschafterin und Mag. Vanessa Salzer ist Senior Consultant der Ecker & Partner Öffentlichkeitsarbeit & Public Affairs GmbH.

 

 

 

 

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