10. Nov 2022   Business Politik Recht

Alternde Babyboomer: Sorglos in den Wohnungsmangel

Thomas Morgl, Günther Ogris, Walter Eichinger ©Silver Living / Ludwig Schedl

Best Ager. 75% der 50- bis 75-Jährigen haben keine Ahnung, wo sie im Alter wohnen werden, so eine Studie von Silver Living: Maßnahmen seien nötig, um „graue Altersarmut“ zu vermeiden.

75% der 50- bis 75-Jährigen haben keine Pläne, wo sie im Alter wohnen. So lautet eines der signifikanten Ergebnisse der Silver Living Studie „Die 50- bis 75-Jährigen in Krisenzeiten – Wohnbedürfnisse, Zukunftsaussichten und mehr“. Aus Erfahrung wisse man, dass „Best Ager häufig die Wohnsituation erst dann reflektieren, wenn beispielsweise Gründe wie Barrierefreiheit, Wohnungsgroße, Bedarf nach Gesellschaft oder finanzielle Situation schlagend werden“, so die beiden Silver Living-Geschäftsführer Thomas Morgl und Walter Eichinger bei der Präsentation der Studie gemeinsam mit Günther Ogris, Managing Partner and Scientific Director des Sora Instituts.

Ein wachsendes Problem

Silver Living sieht sich als Marktführer im freifinanzierten Wohnbau für Seniorenwohnanlagen in Österreich, mit bisher 120 durchgeführten Projekten mit insgesamt mehr als 2.431 Wohneinheiten und einem Projektvolumen von 483 Mio. Euro. Nun fordern die Silver Living-Chefs auf Basis der Studie mehr Engagement für bedarfsgerechtes Wohnen für Ältere: Die Gruppe der 50- bis 75-Jährigen zählt allein in Österreich 2,9 Mio. Personen – und bekanntlich wächst ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung laufend.

Die repräsentative Studie wurde vom Sora Institut wissenschaftlich begleitet. Insgesamt wurden dabei laut den Angaben 300 Telefon- und 300 Onlineinterviews in der österreichischen Bevölkerung in der Altersgruppe 50 und 75 im Juli und August 2022 durchgeführt. Die Gewichtung erfolgte nach Geschlecht, Alter, formaler Bildung, Erwerbsstatus und Bundesland.

Generell zeige sich in der Studie, dass Best Ager zu wenig darüber nachdenken, wie ihre Wohnsituation künftig beschaffen sein soll: Gewöhnlich tun sie das erst dann, wenn die Umstände – beispielsweise dringender Bedarf an Barrierefreiheit – sie dazu zwingen. Fakt sei auch, dass Menschen „wohl selbstbestimmt leben wollen, selbst aber keine Entscheidung über ihre zukünftige Wohnform treffen möchten. De facto wird die Wohnzukunft in diesen Lebensjahren oftmals verdrängt“, so Morgl und Eichinger.

Eine wesentliches Erkenntnis der Silver Living Studie sei auch, dass Menschen ohne Eigentum (29%), also ohne eigenes Haus oder Wohnung, in der Altersgruppe der 50-bis 64-Jährigen oft nicht wissen, wo sie im Alter wohnen sollen. Menschen mit Eigentum planen dagegen häufiger einen Verbleib in der aktuellen Wohnung (68%), als die Gruppe ohne Eigentum.

Inflation, Corona & Co verschlechtern die Lage

„Als zentrales Problem bleibt, insbesondere für einen Teil der geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre, die künftige Leistbarkeit des Wohnens“, so die Silver Living-Chefs: „Auch wenn die Versorgung der älteren Bevölkerung in einem der reichsten Länder grundsätzlich machbar sein sollte, so ist doch davon auszugehen, dass sich die Einkommenssituation für die ältere Bevölkerung aufgrund der derzeitigen Krisen insgesamt verschlechtert. Leider finden viele Menschen ohne Eigentum oft kein passendes Angebot für das Alter. Notwendig sind deshalb gezielte Informationen & Angebote für Menschen ohne Eigentumswohnung/-haus in allen Bundesländern.“

Dabei sei es seitens der Öffentlichen Hand auch notwendig, über verstärkte Anreize wie z.B. ein entsprechendes Förder-Umfeld nachzudenken, und zwar nicht nur im Bereich des Gemeinnützigen Wohnbaus, denn der könne die Last allein nicht tragen, heißt es.

Die Umzugsgründe im Alter

Die häufigsten Gründe für einen geplanten Umzug im Alter sind Barrierefreiheit/Gesundheit (34%) und Wohnungsgröße. Oftmals findet ein ungeplanter Wohnungswechsel auch wegen einer Änderung der familiären Situation statt. „Leider verlassen sich sehr viele Seniorinnen und Senioren darauf, dass ihnen im Alter bei der Problemlösung von jemandem geholfen wird, entweder durch die Kinder, die Gemeinde oder sonst irgendjemanden“, so Eichinger und Morgl. Das sei sozusagen eine „Phantombetreuung“.

All diese Gründe zeigen, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnen im Alter in der Bevölkerung notwendig sei, bzw. dass frühzeitig darüber nachzudenken sei, die eigenen vier Wände altersfit zu machen. Leider sei individuelles und gesellschaftliches Ignorieren eine österreichische Grundeinstellung: Die vorhersehbare Altersarmut vieler Babyboomer – „graue Altersarmut“ – sei nicht im Fokus der Öffentlichkeit, geschweige denn der Politik.

Zuhause bleiben können erfordert Investitionen

58% der 50- bis 64-Jährigen möchten auch im Alter zuhause leben, gegebenenfalls auch mit Unterstützung. 22% der Befragten haben den Wunsch, im Alter andere Wohnformen wie Betreutes Wohnen, Betreute Seniorenwohngemeinschaften oder Mehrgenerationen-Wohnen zu nutzen. Insgesamt streben laut Studie 75% der Befragten ein unabhängiges Leben an, wie es Betreutes Wohnen ermögliche.

Die aktuelle Wohnzufriedenheit hängt laut Studie wesentlich von der persönlichen ökonomischen Stellung ab. So ist die Wohnzufriedenheit bei jenen Befragten mit geringem Einkommen und keinem Eigentum wesentlich geringer als bei der Gruppe mit gutem Einkommen und Eigentum. „Generell ist in Österreich zudem auch eine geringe Eigentumsvorsorge festzustellen“, so Eichinger und Morgl

Die Sorgen der Älteren

Grundsätzlich sind die Zukunftssorgen in Sachen Wohnen in allen Bundesländern ähnlich verteilt: Sorgen um die eigene Wohnzukunft machen sich österreichweit 15% der Befragten, in den einzelnen Bundesländern sehen die Prozentsätze ähnlich aus, nur die Wienerinnen und Wiener blicken überdurchschnittlich häufig (19%) mit Sorgen in die Wohnzukunft.

Auffallend sei, dass Pensionisten tendenziell über die globalen Krisen mehr besorgt sind als Erwerbstätige. Wesentlicher Sorgenbringer für 50- bis 75-Jährige ist die eigene finanzielle Situation. In diesem Punkt finden sich bei den Erwerbstätigen etwas häufiger Sorgen als bei Pensionisten. Aufgrund der Corona-Pandemie gaben 28% der Befragten an, dass sich ihre körperliche Gesundheit verschlechtert hat, bei 25% die psychische Gesundheit und bei 19% die sozialen Beziehungen. Die psychische Gesundheit litt bei Erwerbstätigen tendenziell stärker als bei Pensionist*innen.

Die Pandemie wirkte sich auf Alleinlebende und ökonomisch benachteiligten Menschen stärker aus: Schon frühere Studien von Silver Living zeigten, dass Einsamkeit der wesentliche Trigger für die Verschlechterung der individuellen Lebensqualität ist. „Die Vereinsamung im Alter wird in den nächsten Jahren schon allein wegen der demografischen Entwicklung zu einer Herausforderung werden“, erklären Eichinger und Morgl das Studieninteresse. „Betreutes Wohnen, wie wir es sehen, ist auch ein ausgezeichnetes Angebot, um soziale Kontakte im Alter pflegen zu können.“

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