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An den Börsen gingen heuer 7,2 Billionen Dollar verloren

Gunther Reimoser ©EY Österreich

Marktkapitalisierung. An den Weltbörsen ging es 2022 für die meisten Konzerne abwärts: Allein die Top-100 verloren im Jahresverlauf 7,2 Billionen US-Dollar an Wert, so EY. Für eine „Renaissance“ spreche vorerst wenig.

An den Weltbörsen ging es im Jahr 2022 für die meisten Top-Konzerne abwärts. Allein die 100 aktuell höchstbewerteten Unternehmen verloren im Jahresverlauf insgesamt 7,2 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung. Ihr Wert sank im Verlauf des vergangenen Jahres um 20 Prozent auf 28,6 Billionen US-Dollar, so die Ergebnisse der aktuellen Analyse des Beratungsmultis EY. Dabei wird die Marktkapitalisierung der am höchsten bewerteten Unternehmen weltweit halbjährlich untersucht. Stichtag für die vorliegende Analyse war der 27.12.2022 (Börsenschluss).

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Besonders betroffen vom Börse-Absturz waren Technologiekonzerne, deren Börsenwert insgesamt um 33 Prozent einbrach. Allein die Top US-Konzerne Tesla, Apple, Meta, Microsoft, Alphabet und Amazon verloren zusammen 4,6 Billionen US-Dollar an Wert.
  • Aber auch Konsumgüterhersteller und Telekommunikationsunternehmen verzeichneten mit 29 bzw. 27 Prozent kräftige Wertverluste.
  • Insgesamt schrumpfte der Börsenwert von 69 der 100 wertvollsten Unternehmen – entsprechend schafften immerhin 31 Konzerne einen Wertzuwachs.
  • Aufwärts ging es vor allem für Energiekonzerne (plus 12%) und Industrieunternehmen (plus 10%).

Trotz der hohen Kursverluste der US-Digitalkonzerne habe sich an der Dominanz der USA an den Weltbörsen aber insgesamt nichts geändert: Die Zahl der US-amerikanischen Unternehmen, die sich zur Jahresmitte unter den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt platzieren können, liegt bei 61 (Vorjahr: 62). Und von den zehn höchstbewerteten Unternehmen der Welt haben neun ihren Hauptsitz in den USA. Das wertvollste Unternehmen der Welt ist zum Jahresende 2022 das gleiche wie vor einem Jahr (Apple).

Europäische Unternehmen schaffen es derzeit nicht unter die weltweiten Top 10. Und von den 100 wertvollsten Unternehmen haben nur 15 ihren Hauptsitz in Europa – 19 stammen aus Asien. Das wertvollste europäische Unternehmen ist aktuell der französische Luxuskonzern LVMH auf Rang 15. Unter den Top 100 ist auch kein einziges österreichisches Unternehmen vertreten.

Die bekannten Probleme

„Die Zinswende, der Ukrainekrieg und natürlich die stark gestiegenen Energiepreise drücken derzeit auch auf die Börsenwerte weltweit – speziell aber in Europa. Der Technologiesektor boomte in Zeiten der Pandemie, jetzt kommt die Ernüchterung“, stellt Gunther Reimoser, Country Managing Partner von EY Österreich, fest. Dementsprechend gerieten zuletzt vor allem hoch bewertete Wachstumsunternehmen unter Druck – die Zahl der Tech-Konzerne im Top-100-Ranking ist im Jahresverlauf von 28 auf 21 gesunken.

Aber nicht nur die großen Tech-Konzerne, auch und gerade klassische Industriekonzerne stehen derzeit vor enormen Herausforderungen, so Reimoser: „Die Gewinne in diesem Geschäftsjahr sind noch auf gutem Niveau, speziell in Österreich durch ein starkes erstes Halbjahr. Zumindest für Europa erwarten wir aber im kommenden Jahr eine Rezession – die Unsicherheit, wie es in Sachen Konjunkturentwicklung weiter geht, ist groß.“

Während die Unternehmen auf die Kostenbremse treten, müssen viele Konsument*innen angesichts der hohen Inflation ihre Konsumausgaben reduzieren, heißt es weiter: Die hohe Inflation führe zu sinkender Kaufkraft. Die teilweise stark gestiegenen Kosten zwingen die Menschen zum Sparen. Das kommende Jahr werde aller Voraussicht nach schwierig werden – auch dann, wenn die Rezession schwächer ausfällt, als befürchtet.

„Europa fällt zurück“

Die Bedeutung Europas an den Weltbörsen ist seit Jahren rückläufig – und auch das vergangene Jahr brachte keine Trendwende, so EY.

  • Vor der Finanzkrise – Ende 2007 – kamen noch 46 der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt aus Europa, derzeit sind es nur noch 15.
  • Besonders das Gewicht Deutschlands ist gesunken: Zum Jahresende 2007 fanden sich noch sieben deutsche Unternehmen unter den Top 100, Ende 2021 waren es noch zwei Unternehmen, aktuell schafft es kein einziges deutsches Unternehmen unter die Top 100.

„An den Börsen zählen nicht die Erfolge der Vergangenheit, sondern Zukunftsperspektiven. Europäische Konzerne müssen klar aufzeigen, wie sie die Weltwirtschaft der Zukunft entscheidend mitgestalten werden. Was Nachhaltigkeit betrifft, ist der Kontinent Europa Vorreiter – wenn wir diesen Schwerpunkt richtig nutzen und auch klar darlegen können, welche ökonomische Relevanz das Thema birgt, können wir gewinnen“, so Reimoser.

Europa leide überdurchschnittlich stark unter der aktuellen geopolitischen Zuspitzung und dem massiven Anstieg der Energiepreise: Europäische Volkswirtschaften seien aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen stark unter Druck. Die Lage ist ganz anders als in den USA, wo Industrieunternehmen derzeit deutlich günstiger produzieren können, so Reimoser: „Für sie ist der Krieg weit weg und auch vor einer Gaskrise muss sich dort niemand fürchten. Derzeit spricht deshalb kaum etwas dafür, dass wir im kommenden Jahr eine Renaissance Europas an den Weltbörsen erleben werden.“

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