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Härtere Zeiten für die Start-up-Szene

Florian Haas ©EY / Robert Herbst

Wien. Der Gesamtwert der Investitionen in österreichische Start-ups sank im Jahr 2022 im Vergleich zum bisherigen Rekordjahr 2021 um 18 Prozent. Im zweiten Halbjahr gab es sogar ein Minus von 83 Prozent, so EY.

Nachdem 2021 weltweit alle Rekorde in Hinblick auf Start-up-Finanzierungen geknackt wurden, haben steigende Zinsen, wirtschaftliche Unsicherheiten, Inflation und eine drohende Rezession das Marktumfeld stark eingetrübt, so das Ergebnis einer aktuellen Analyse des Beratungsunternehmens EY. Die Kombination dieser Faktoren und die wirtschaftliche Lage veranlassen demnach Risikokapitalfinanzierer weltweit zu mehr Zurückhaltung und sorgen für ein deutliches Abbremsen am Finanzierungsmarkt für Start-ups und Scale-ups.

Die Unicorns im Sturm

Besonders betroffen sind börsennotierte Tech-Unternehmen sowie hoch bewertete Scale-ups oder Unicorns mit Fokus auf ein starkes, schnelles Wachstum, erklärt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich: „Aufgrund des schwierigen Marktumfelds zögern Venture Capitalists weltweit trotz geschätzt rund 500 Milliarden Dollar in der Kasse mit weiteren Finanzierungsrunden und richten den Fokus stärker auf das Management ihres eigenen Portfolios. Aufgrund der deutlich nach unten korrigierten Wachstumsprognosen gab es in den vergangenen Monaten bereits größere Entlassungswellen bei Scale-up-Unternehmen. Auch Österreichs Start-ups und Scale-ups stellen sich aktuell auf längere Phasen bis zur nächsten Finanzierungsrunde, geringere Bewertungen und Volumina sowie weniger ambitionierte Wachstumsziele ein.“

In den Zahlen für 2022 lässt sich diese deutliche Eintrübung des Finanzierungsmarkts für österreichische Start-ups eindeutig im zweiten Halbjahr ablesen. Nach einem sehr starken ersten Halbjahr mit insgesamt 881 Mio. Euro Investments – einer neuen Rekordmarke – ist der Markt im zweiten Halbjahr 2022 deutlich eingebrochen: In den vergangenen sechs Monaten wurden nur noch 125 Mio. Euro investiert – das sind um 83 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

„Goldgräberstimmung ist der Ernüchterung gewichen“

„Weltweit ist die Goldgräberstimmung des Boom-Jahres 2021 der Ernüchterung gewichen. Viele Geldgeber sind nervös, die Risikobereitschaft sinkt, ebenso wie die Bereitschaft zu investieren. Viele Scale-ups und Unicorns haben von Hypergrowth auf Überlebensmodus geschaltet, in vielen stark gefundeten Wachstumsunternehmen gibt es aktuell Entlassungen. Das Stimmungsbild hat sich innerhalb weniger Monate komplett gedreht – allerdings ist auch das eine Momentaufnahme. Wie nachhaltig der Krisenmodus ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, insbesondere der Zinspolitik, der Höhe der Inflation und dem Ausmaß der drohenden Rezession“, so Haas.

Für Österreich kommt die EY-Analyse für das Jahr 2022 auf einen Rückgang der Finanzierungssumme um 18 Prozent von 1,23 auf 1,0 Mrd. Euro. Das ist zwar laut dem Beratungsunternehmen immer noch das zweithöchste Investmentvolumen, das je innerhalb eines Jahres in österreichische Start-ups investiert wurde, allerdings vereinigten die zwei großen Finanzierungsrunden von GoStudent mit 300 Mio. Euro sowie TTTech Auto mit 250 Mio. Euro rund 55 Prozent des gesamten Investitionskapitals auf sich. Auch die weiteren Top-Investments des Jahres fanden im ersten Halbjahr statt: Die Top-5 nach Volumen komplettieren Waterdrop und PlanRadar mit je 60 Mio. Euro sowie der Logistik-Spezialist byrd mit 53 Mio. Euro.

„In Österreich hat der Start-up-Höhenflug des Vorjahres im stürmischen Umfeld insbesondere im zweiten Halbjahr deutlich abgebremst. Die bereits seit einigen Monaten weltweit zu beobachtende starke Zurückhaltung der Investoren in Hinblick auf Wachstumsfinanzierungen und Kapitalspritzen außerhalb des eigenen Portfolios lässt sich mit leichter Verzögerung auch an den Zahlen ablesen. Nachdem es im ersten Halbjahr noch dank einiger Millionenrunden, die noch 2021 verhandelt wurden, einen neuen Finanzierungsrekord gab, ist der Markt im zweiten Halbjahr deutlich ruhiger geworden. Gerade bei der Wachstumsfinanzierung, die in Österreich fast ausschließlich durch internationale Investorengruppen getätigt wird, wird sich die bereits in der zweiten Jahreshälfte zu beobachtende starke Zurückhaltung von Risikokapitalgebern auch in den nächsten Monaten niederschlagen“, so Haas.

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