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Smartphone-Sucht bei Jugendlichen: Auf der Suche nach den Wurzeln

Suzana Jovicic Smartphone Sucht Jugendliche Extrajournal.Net
Suzana Jovicic (© Uni Wien)

Uni Wien. In einem FWF-geförderten Forschungsprojekt wird der Smartphone-Sucht auf den Grund gegangen – abseits moralisierender Wertungen und bestehender Verbote.

Sucht ist häufig ein Symptom für tieferliegende gesellschaftliche Probleme. In Österreich wurde die Debatte um Smartphone-Sucht zuletzt intensiv diskutiert und führte letztlich zu einem flächendeckenden Handyverbot bis zur achten Schulstufe. Die Digitalanthropologin Suzana Jovicic (Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien) begleitete im Rahmen eines Forschungsprojekts Jugendliche in einer auf Sucht spezialisierten Klinik und betont, dass Ressourcen und Unterstützungsangebote wirksamer seien als reine Verbote. Das Projekt wird vom FWF mit 319.000 Euro gefördert.

Handyfreie Zonen abseits jugendlicher Prioritäten

Seit dem 1. Mai sind in ganz Österreich Volksschul- und Unterstufenklassen als sogenannte „handyfreie Zonen“ definiert. Jovicic beobachtet dabei eine Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und den tatsächlichen Prioritäten der Jugendlichen. Sie stellt fest, dass Jugendliche oft über größere digitale Kompetenzen verfügen, als Erwachsene annehmen. Digitale Räume sind aus ihrer Sicht ähnlich komplex und vielschichtig wie analoge Räume – ihre Wirkung hängt stets vom Kontext ab.

Während zahlreiche Studien den digitalen Medienkonsum Jugendlicher dokumentieren, fehlt es an Forschung zu deren gesamtem Arbeits- und Schulaufwand. Teilweise erreichen Schülerinnen und Schüler laut Untersuchungen bis zu 55 Wochenstunden mit Schule und Hausaufgaben. Viele Jugendliche geben an, nur am Wochenende entspannen zu können und während der Woche zumindest online Kontakt zu Freunden zu halten.

Moralisierende Debatten

Jovicic arbeitet bei ihrer Forschung ethnografisch und partizipativ, um die Perspektiven der Betroffenen selbst zu erfassen. Die Forscherin kritisiert, dass Diskussionen rund um problematischen Smartphone-Gebrauch oft moralisierend geführt und Grenzwerte von außen willkürlich festgelegt werden. Bisher ist einzig Computerspielsucht als psychiatrische Diagnose anerkannt, während andere Formen – etwa Smartphone- oder Internetsucht – noch nicht offiziell klassifiziert sind.

Im Forschungsalltag hat es sich dabei als besonders wichtig erwiesen, mit den betroffenen Personen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Gerade im klinischen Kontext mit vulnerablen Gruppen, die häufig wiederholte Klinikaufenthalte und einen langen Leidensweg erlebt haben, ist das von Bedeutung. Die Betroffenen berichten häufig über familiäre Probleme, Mobbing, Einsamkeit sowie Belastungen durch chronische Erkrankungen oder Neurodivergenzen wie Autismus und ADHS. Vor allem bei jungen Menschen treten berufliche Orientierungslosigkeit und Frustration auf, während gleichzeitig gesellschaftlicher Druck und restriktive Bildungswege die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten einschränken. Leistungsdruck in Schule und Familie, aber auch eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten durch finanzielle Hürden, fördern aus Sicht von Jovicic den Rückzug in digitale Räume.

Sucht als gesellschaftliches Phänomen

Ein solcher anthropologischer Zugang sieht Sucht nicht nur als individuelles, sondern auch als gesellschaftlich bedingtes Phänomen. Viele Patientinnen und Patienten schildern, dass das jeweilige Suchtmittel eher Problemlöser als eigentliche Ursache sei. Migrationserfahrungen und Diskriminierung im öffentlichen Raum, aber auch geringe leistbare Freizeitangebote, erhöhen die Attraktivität digitaler Alternativen.

Das Handyverbot an Schulen illustriere eine politische Tendenz, schnelle Lösungen durch Verbote zu suchen, statt langfristig in Prävention und Unterstützungsangebote zu investieren, heißt es in einer Pressemitteilung des FWF. Digital- und Medienkompetenz sowie psychologische Betreuung für Schülerinnen, Schüler und Lehrende würden dabei laut Jovicic oft zu kurz kommen; die Forscherin fordert unkomplizierte Anlaufstellen außerhalb des klinischen Settings, um Stigmatisierung und Barrieren für Hilfesuchende abzubauen. Bemerkenswert sei außerdem, dass die öffentliche Diskussion Handysucht hervorhebt, während die Alkoholabhängigkeit – die den Großteil der Suchterkrankungen im Klinikalltag ausmacht – weniger Aufmerksamkeit erfährt. Sucht in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sollte ganzheitlich betrachtet werden, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgekosten langfristig zu verringern.

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