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Omnibus: „Regulatorische Entlastung ersetzt keine Transformation“

Margit Kapfer ©EY / Christina Häusler

Studie. Der Klimawandel kostet Österreichs Wirtschaft bereits jetzt viel Geld. Ein Nicht-Handeln wäre jedoch das teuerste Szenario, warnt EY.

Der Klimawandel ist für Österreichs Wirtschaft messbar, spürbar und mit zunehmenden Kosten verbunden. Mit dem interaktiven Szenarioformat „EY Four Futures“ hat das Beratungsunternehmen EY analysiert, wie heutige Entscheidungen die wirtschaftliche Realität im Jahr 2055 prägen könnten.

Die darin beschriebenen vier Szenarien reichen von einem „Business as usual“ über eine stark regulierte Übergangsphase bis hin zum Kollaps zentraler Systeme und zu einer tiefgreifenden Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft.

Die zentrale Erkenntnis aus allen Szenarien: Nicht-Handeln ist kein stabiler Zustand. Je länger Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Anpassung an den Klimawandel hinausgezögert werden, desto stärker steigen laut Studie die Kosten – und zwar überproportional. Anpassungsmaßnahmen werden teurer, Risiken materialisieren sich schneller, Handlungsspielräume schrumpfen, warnt EY.

„Nicht-Handeln wird häufig als risikolos wahrgenommen. Tatsächlich ist es die teuerste Option“, so Margit Kapfer, Director und Klimaschutzexpertin bei EY denkstatt: „Unternehmen zahlen entweder heute gezielt in Transformation und Stärkung der Klimaresilienz ein oder morgen ungeplant in Schadensbegrenzung, Produktionsausfälle und Wettbewerbsnachteile.“

„Österreich hat den dringenden Bedarf, seine Industrie und Wertschöpfung an die Realitäten eines veränderten Klimas anzupassen. Entscheidend sind die wertfreie und vorurteilslose Abwägung der verschiedenen Interessen aus Wirtschaft, Bedürfnissen der heimischen Bevölkerung und der Schaffung der Rahmenbedingungen für klimaresilientes Leben für die kommenden Generationen. Transformation ist daher keine Belastung, sondern eine klarer Arbeitsauftrag und Stärkung des Wirtschaftsstandortes im internationalen Wettbewerb“, so Kapfer.

Was Nicht-Handeln Österreich konkret kostet

Die volkswirtschaftlichen Kosten lassen sich bereits heute beziffern. Das Verfehlen nationaler Klimaziele kann laut Finanzministerium für Österreich bis zu 2,9 Milliarden Euro an budgetwirksamen Zahlungen verursachen – etwa durch den jährlichen Zukauf von Emissionszertifikaten.

Selbst bei moderater Zielverfehlung rechnet das Finanzministerium mit Kosten von rund 1,6 Milliarden Euro bis 2030. Diese Mittel fließen nicht in heimische Innovation, Infrastruktur oder Beschäftigung, sondern ins Ausland – zulasten der Standortentwicklung.

Für Unternehmen bedeutet das konkret steigende Energie- und Rohstoffkosten, höhere Versicherungsprämien oder eingeschränkte Versicherbarkeit, häufigere Betriebsunterbrechungen sowie sinkende Produktivität bei hohen Temperaturen. Besonders kleine und mittelständische Betriebe stoßen dabei rasch an ihre Grenzen, da sie Schäden und Ausfälle weniger gut abfedern können als große Konzerne.

Nachhaltigkeit operativ unter Druck

Das EY Sustainability Barometer zeigt ein ambivalentes Bild. Nachhaltigkeit ist in österreichischen Unternehmen strategisch angekommen, verliert aber an operativer Priorität:

  • Während 2024 noch 23 Prozent der Unternehmen angaben, dass Klimaschutz ihr Handeln stark beeinflusst, sind es 2025 nur mehr zehn Prozent.
  • Gleichzeitig sehen 28 Prozent Umweltthemen nur noch als untergeordnet oder gar nicht relevant für Entscheidungsprozesse.
  • Dennoch haben 73 Prozent der Unternehmen zumindest ein Ziel zur Reduktion von Treibhausgasemissionen definiert – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
  • Finanzielle Einschränkungen und die Integration von Nachhaltigkeitsmaßnahmen in bestehende Prozesse werden 2025 als die größten Hürden genannt, deutlich vor regulatorischen Anforderungen.

„Wir sehen sehr klar: Der Wille ist da, aber die Umsetzung bleibt schwierig“, so Andreas Lindinger, Senior Manager und Nachhaltigkeitsexperte bei EY denkstatt. „Viele Unternehmen unterschätzen, wie tief Nachhaltigkeit in Prozesse, Datenstrukturen und Entscheidungslogiken integriert werden muss, um tatsächlich Wirkung zu entfalten.“ Besonders deutlich wird das beim Thema Daten:

  • 67 Prozent der Unternehmen nennen die Verfügbarkeit und Qualität von Nachhaltigkeitsdaten als größte Herausforderung bei der Berichterstattung.
  • 46 Prozent sehen den Ressourcenaufwand als zentrales Problem – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr.

Auffällig ist zudem eine zunehmende Fokussierung auf den eigenen Unternehmensbereich. Der Anteil jener Unternehmen, die den CO₂-Fußabdruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette erheben, ist gegenüber 2024 um zehn Prozentpunkte gesunken. Stattdessen konzentriert sich die Mehrheit auf Emissionen aus der eigenen Tätigkeit. Damit bleiben vergleichsweise kosteneffiziente Reduktionspotenziale bei Lieferanten oder Kunden ungenutzt.

Omnibus-Paket: Entlastung mit offenem Ausgang

Das EU-Omnibus-Paket bringt Erleichterungen bei Schwellenwerten, Berichtsanforderungen und Übergangsfristen. Für viele Unternehmen bedeutet das zunächst eine Atempause:

  • Rund 51 Prozent nutzen die gewonnene Zeit, um bestehende Konzepte, Ziele und KPIs zu überarbeiten.
  • Gleichzeitig haben 36 Prozent ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten seit Einführung der Verordnung reduziert – besonders stark in der Bau- und Automobilbranche.

Ob das Omnibus-Paket zum Beschleuniger oder zum Bremsklotz wird, hängt entscheidend davon ab, wie Unternehmen diese Phase nutzen. „Regulatorische Entlastung ersetzt keine Transformation“, so Lindinger: „Unternehmen, die Nachhaltigkeit als reine Compliance-Übung verstehen, kämpfen zunehmend mit Ressourcenproblemen. Wer sie als Innovationstreiber begreift, stärkt Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.“

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