Österreich. Zum 12. Mal hat Deloitte dem Wirtschaftsstandort auf den Zahn gefühlt. Wesentliche Rankings haben sich über die Jahre verschlechtert, heißt es.
Zum zwölften Mal wurde im Rahmen des Deloitte Radar die internationale Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Wirtschaftsstandorts untersucht, so eine Aussendung des Big Four-Multis: Neben der Befragung von rund 600 Führungskräften wurden demnach auch die wichtigsten globalen Indizes analysiert.
Dabei zeige sich ein alarmierendes Bild: Die geopolitischen Spannungen, hohen Energie- und Finanzierungskosten sowie die schwache Konjunktur belasten die österreichischen Unternehmen. Der Wirtschaftsstandort kämpfte bereits in den vergangenen Jahren mit einem stetigen Abwärtstrend, jetzt spitzt sich die Lage weiter zu, heißt es.
Wo Österreich sich verschlechtert – und wo es sich verbessert hat
Deloitte verweist konkret auf folgende Rankings:
- Österreich lag im Jahr 2019 im „World Competitiveness Index“ auf Platz 19, jetzt reicht es nur noch für Platz 26.
- Im „World Happiness Report“ fiel die Alpenrepublik im gleichen Zeitraum um sieben Plätze auf Rang 17.
- Im „Sustainable Development Goals Index“ (Platz 6 heute, Platz 5 im Jahr 2019) konnten wir uns immerhin annähernd behaupten.
- Verbessert hat Österreich sich bei der Innovation: 2019 lag das Land auf Platz 21 im Global Innovation Index, aktuell auf Platz 19.
„Seit Jahren im Krisenmodus“
Sorgenfalten bereiten Deloitte aber vor allem Wettbewerbsfähigkeit und Stimmung. „Österreichs Wirtschaftsstandort schafft es seit Jahren nicht aus dem Krisenmodus. Im Gegenteil: Im aktuellen Wettbewerbsranking des IMD erreichen wir erneut nur den 26. Platz und verharren deutlich hinter vergleichbaren europäischen Ländern wie der Schweiz, Dänemark oder Schweden“, so Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich.
Breit fodert eine „offene und schonungslose Bestandsaufnahme“ sowie den politischen Willen, tiefgreifende strukturelle Reformen durchzusetzen. „Die Lage wird sich weiter zuspitzen – immerhin nimmt die Energiekrise in Folge des Iran-Kriegs gerade erst Fahrt auf“, so Breit.
Stimmung am Tiefpunkt
Schon jetzt ist laut der Umfrage jedes zweite Unternehmen vom Krieg im Nahen Osten direkt betroffen. Sechs von zehn Unternehmen erwarten negative Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit. Darüber hinaus beklagen 61% die hohen Energiekosten.
Rund ein Drittel der Befragten gibt an, die Stimmung als negativ oder sogar sehr negativ wahrzunehmen, während nur eine Minderheit von 14% die Stimmung positiv sieht. Ähnlich düster ist der Ausblick auf die nächsten Monate.
Bürokratie und Steuerpolitik als größte Schwachstellen
Die österreichischen Führungskräfte empfinden vor allem die überbordende Bürokratie (58%), die allgemeine Unsicherheit (53%) und die hohen Steuern und Abgaben (37%) als besonders problematisch. Im IMD-Ranking belegt die österreichische Steuerpolitik aktuell nur Platz 64 von 69 Ländern – damit zählt Österreich auch im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern.
„Der Bürokratiedschungel und die Steuerpolitik werden als die größten Belastungsfaktoren wahrgenommen, das ist ein Warnsignal. Wir riskieren damit die breite Abwanderung von Unternehmen ins Ausland – und eine Zunahme der Insolvenzen. Es droht ein weiterer Verlust der Wettbewerbsfähigkeit“, so Herbert Kovar, Managing Partner im Bereich Tax & Legal bei Deloitte Österreich.
Die Gegenmittel
Entgegenwirken könne man der Problematik laut den befragten Führungskräften vor allem mit der Sanierung des Staatshaushaltes, Investitionsförderungen und der Schaffung erhöhter Rechtssicherheit für eine bessere Planbarkeit von Investitionen. Außerdem brauche es eine Kostensenkung.
„Die Senkung der Lohnnebenkosten wird seit Jahren gefordert, nun will die Regierung hier einen ersten Schritt im nächsten Budget setzen. Aber es braucht mehr: Eine Senkung um drei Prozentpunkte bis 2028 mit klarer Gegenfinanzierung, etwa durch Effizienzsteigerungen im Staat und wachstumsbedingte Mehreinnahmen, ist notwendig“, so Kovar.
Arbeitsmarkt zunehmend unter Druck
Neben der Steuerpolitik gilt auch der Arbeitsmarkt als Sorgenkind. Jedes fünfte Unternehmen (20%) beurteilt die Verfügbarkeit von Fachkräften als schlecht, über ein Viertel (27%) gibt dem Standort bei den Personalkosten schlechte Noten. Auch bei der Beschäftigung älterer Arbeitnehmender gibt es Luft nach oben: 20% vergeben hier nur ein „Genügend“ oder „Nicht genügend“.
Deloitte fordert attraktivere Rahmenbedingungen für ältere Arbeitnehmende, die Attraktivierung von Vollzeitbeschäftigung und das aktive Werben um Fachkräfte im internationalen Umfeld.
Harald Breit: „Echter Fortschritt wird ohne spürbare Einschnitte und echte Reformen nicht gelingen. Wir sehen vor allem in diesen fünf Bereichen Handlungsbedarf: weitere Senkung der Lohnnebenkosten, bessere Nutzung der Potenziale am Arbeitsmarkt, Bürokratieabbau, Absicherung des Pensionssystems und Ausbau von erneuerbaren Energien. Wenn wir jetzt nicht ins Handeln kommen, wird der Standort weiter an Boden verlieren – das können wir uns nicht mehr leisten.“
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