Interview. Open Source – also öffentlich einsehbarer und verwendbarer Software-Code – wird in Zeiten globaler IT-Giganten zum Schlüsselfaktor für Europa, sagt OSSBIG-Generalsekretär Wilfried Jäger.
Extrajournal.Net: Es gibt inzwischen viele bekannte Beispiele für Software, die dem Open Source-Modell folgt – vom Browser Firefox über aktuelle KI-Tools wie OpenClaw bis zum Betriebssystem Linux. Doch was ist Open Source, einfach ausgedrückt?
Wilfried Jäger: Open Source bezeichnet ein Entwicklungs- und Verteilungsmodell für Software, bei dem der Quellcode öffentlich zugänglich ist und von jeder Person eingesehen, genutzt, verändert und weiterverbreitet werden kann. Im Kern steht ein kollaborativer Ansatz: Wissen wird geteilt, Innovation entsteht dezentral, und technologische Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern werden reduziert. Anders als proprietäre Systeme, deren Funktionsweise oft intransparent bleibt, schafft Open Source Nachvollziehbarkeit, Kontrolle und die Möglichkeit zur eigenständigen Weiterentwicklung.
Open Source als Hilfsmittel gegen Lock-in-Effekte
Das Open Source-Modell wird in letzter Zeit öfter thematisiert, wenn es um digitale Souveränität geht: Welche Rolle spielt es dabei?
Wilfried Jäger: Für die digitale Souveränität ist dieses Modell von zentraler Bedeutung. Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit von Staaten, Institutionen und Unternehmen, ihre digitale Infrastruktur selbstbestimmt zu gestalten und zu kontrollieren. Open Source trägt dazu bei, indem es Lock-in-Effekte vermeidet, also die langfristige Bindung an einzelne Anbieter. Wer Zugriff auf den Code hat, kann Systeme unabhängig betreiben, Sicherheitslücken selbst prüfen und technologische Entscheidungen autonom treffen.
Gerade in Europa ist dies relevant, da zentrale digitale Dienste häufig von US-Plattformen dominiert werden. Die daraus entstehenden Abhängigkeiten betreffen nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern auch rechtliche und sicherheitsrelevante Fragen. Open Source schafft hier eine Grundlage, um digitale Systeme nachvollziehbar zu betreiben und strategische Autonomie zu stärken. In diesem Sinne ist Open Source mehr als ein technisches Konzept: Es ist ein Baustein für wirtschaftliche Unabhängigkeit, Innovationsfähigkeit und demokratische Kontrolle im digitalen Zeitalter – vor allem in geopolitischen Umbruchszeiten.
„Die strategische Bedeutung wächst“
Welche Bedeutung hat Open Source für die österreichische Wirtschaft?
Wilfried Jäger: Für die österreichische Wirtschaft hat Open Source eine wachsende strategische Bedeutung. Als Digitalstandort profitiert Österreich von offenen Technologien, da sie Innovation beschleunigen und Markteintrittsbarrieren für Unternehmen senken. Gerade für kleine und mittlere Betriebe stärkt dies die Wettbewerbsfähigkeit, weil Abhängigkeiten von einzelnen Softwareanbietern reduziert und Kosten besser kontrolliert werden können.
Zugleich gewinnt der Aspekt der Lieferkettensicherheit an Gewicht: Offene Systeme ermöglichen es, kritische digitale Infrastrukturen unabhängig zu betreiben und bei Bedarf anzupassen. In einem global angespannten Umfeld erhöht Open Source damit die Resilienz der österreichischen Wirtschaft und schafft eine stabilere Grundlage für digitale Wertschöpfung.
Die OSSBIG ist eine Vereinigung für Open Source in Österreich. Wieso wurde die OSSBIG gegründet und welche Ziele hat sie?
Wilfried Jäger: OSSBIG wurde 2007 als Antwort der Nutzer auf Herstellerabhängigkeiten von Großfirmen gegründet. Durch die hohen Lizenzkosten für Software und den Druck zum Outsourcing durch die Anbieter IBM Host, Microsoft Server, Microsoft Office und Oracle (Datenbanken) entstand für die Nutzer eine technisch-wirtschaftliche Zwickmühle. Dieser stellten sich die OSSBIG-Gründer – erfolgreich mittels Open-Source-Software – entgegen. Die OSSBIG-Mission lautet: „Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und digitalen Souveränität durch Schaffung von kollektivem Wissen, zugänglichen Daten und digitalen Ressourcen in offenen Kooperationsformen.“ Das hat über die Zeit stark an Bedeutung gewonnen. Die Vereinshandlungsfelder sind entsprechend gesetzt – siehe die OSSBIG-Projektwebsite:
- Open-Source-Strategie und -Governance operationalisieren und institutionalisieren
- Kompetenzaufbau durch praktische gemeinsame Projekte (wie OpenDesk, Atlassian, VMware-Alternativen, Rechtsstudien – ATLAWS.eu etc.).
- Zusammenarbeit zwischen Organisationen aller Branchen in der Umsetzung Open Collaboration
Ruf nach Steuervorteilen für Open Source in Deutschland
In Deutschland wurde eine Initiative gestartet, die die Arbeit an Open Source für gemeinnützig erklären will, was erhebliche Steuervorteile brächte. Wäre auch in Österreich mehr Unterstützung von staatlicher Seite für Open Source gut und welche Form könnte diese annehmen?
Wilfried Jäger: Um den Schwenk zu einer eigenständigen digitalen Industrie und digitalen Ökosystemen zu vollziehen, muss die Verwaltung als größter IT-Nutzer und Regulator klare Maßnahmen setzen. Unsere Forderungen lauten:
- Förderung europäischer Open-Source-Ökosysteme. Die Beteiligung an Initiativen wie Gaia-X, (DC-)EDIC, EuroStack oder ZenDis schafft europäische Infrastruktur, stärkt die Wirtschaft und die digitale Selbstbestimmung.
- „Open Source First“ bei der Beschaffung. Öffentliche Ausschreibungen sollen quelloffene Software bevorzugen, um regionale Arbeitsplätze zu schaffen, Abhängigkeiten zu kontrollieren und in europäische Open-Source-Communities zu investieren.
- „Public Money – Public Code“ gesetzlich verankern. Was öffentlich bezahlt wird, muss auch öffentlich nutzbar sein. Das stärkt die Wiederverwendung und spart Ressourcen.
Zudem braucht es ein nationales Open-Source-Programmbüro (OSPO), das die Verwaltung national und international vernetzt und Open-Source-Projekte koordiniert. Ein Digital-Souveränitätsindex kann den Wandel fördern und messbar machen – ein strategisches Monitoring, das Fortschritte sichtbar macht.
Im Interview
Dr. Wilfried Jäger ist IT-Berater, IT-Konzernmanager, Infrastrukturleiter und Produktmanager für künstliche Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung. Er engagiert sich seit langem für den professionellen Einsatz von Open-Source-Software und ist Gründungsmitglied der Open-Source-Software-Business-Innovation-Group (OSSBIG), einer Interessensgemeinschaft von IT-Manager:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung. In seiner Funktion als Generalsekretär von OSSBIG setze er sich für die Verbreitung von Open-Source-Software und die Gestaltung offener IT-Ökosysteme ein.
Jetzt den Newsletter von Extrajournal.Net abonnieren
Täglich aktuell in Ihrer Mailbox.





