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Nichts hält sie auf: Der unablässige Anstieg der Whistleblower

Oliver Riehl ©NAVEX

Studie. Die Nutzung von Hinweisgebersystemen ist in Europa in drei Jahren um 60% gestiegen, so Compliance-Anbieter NAVEX – Nordamerika zeigt den Weg. Die Tipps für Unternehmen.

Steigende regulatorische Anforderungen, komplexe Organisationsstrukturen und neue Technologien verändern den Umgang mit Compliance in Österreichs Unternehmen zunehmend, so eine Aussendung des Risikomanagement-Anbieters NAVEX: Sein Report „2026 Whistleblowing und Compliance in Europa – Datengestützte Einblicke und Benchmarks“ zeige dabei eine klare Entwicklung auf. Konkret steigt demnach die Nutzung interner Hinweisgebersysteme durch Unternehmen in Europa seit Jahren stetig an.

Was die Unternehmen tun sollen

Oliver Riehl, Regional Vice President Sales von NAVEX sieht Verbesserungsmöglichkeiten bei den Unternehmen, insbesondere hinsichtlich des Vertrauens der Mitarbeitenden in Hinweisgeber-Tools, der Transparenz und der Geschwindigkeit, mit der Meldungen bearbeitet werden.

Compliance habe sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt: Was lange Zeit vor allem als regulatorische Pflicht verstanden wurde, entwickle sich zunehmend zu einer zentralen Steuerungsfunktion innerhalb von Unternehmen. Themen wie Datenschutz, Künstliche Intelligenz und regulatorische Anforderungen erhöhen dabei die Komplexität von Compliance-Prozessen und deren Umsetzung im Unternehmensalltag, heißt es. Gleichzeitig investieren viele Unternehmen verstärkt in interne Richtlinien und digitale Meldesysteme.

„In Österreich verfügen viele Organisationen heute bereits über die notwendigen Strukturen. Entscheidend ist nun, diese Systeme auch im Alltag wirksam zu verankern und Mitarbeitenden das Vertrauen zu geben, potenzielle Risiken frühzeitig anzusprechen“, so Riehl. NAVEX selbst ist Anbieter von Lösungen im Bereich Risk und Compliance; man will demnach Unternehmen dabei unterstüten, Compliance-Prozesse zentral zu steuern und interne Hinweisgebersysteme nachhaltig in Unternehmen zu etablieren.

Nutzung interner Meldesysteme steigt weiter

Die praktische Nutzung von Whistleblowing-Systemen rücke dabei stärker in den Fokus: Seit Inkrafttreten des Hinweisgeber:innenschutzgesetzes sind Unternehmen in Österreich ab 50 Mitarbeitenden verpflichtet, interne Meldekanäle einzurichten, über die mögliche Verstöße gemeldet werden können. Die strukturellen Voraussetzungen dafür seien also geschaffen.

Gleichzeitig zeige die Auswertung, dass interne Hinweisgebersysteme in Europa von Unternehmen auch zunehmend genutzt werden: Während das mediane Meldungsvolumen im Jahr 2022 bei 0,53 Meldungen pro 100 Mitarbeiter lag, stieg dieser Wert bis 2025 auf 0,85 (plus 60,4 Prozent).

Spannend ist auch ein Vergleich mit Nordamerika: Dort lag das Meldevolumen im Jahr 2025 bei 1,86 Meldungen pro 100 Mitarbeitenden, 2022 dagegen erst bei 1,64 Meldungen. Trotz des vergleichsweise hohen Niveaus in Nordamerika gibt es also einen weiteren Anstieg um rund 13,4 Prozent.

Auch Unternehmen, bei denen die Meldequote weit unter dem Durchschnitt liegt, sollten das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen, heißt es. „Niedrigere Melderaten sind kein Hinweis auf geringere Risiken im Unternehmen“, erklärt Riehl. Für österreichische Unternehmen sieht er vor allem eine zentrale Aufgabe: Vertrauen in interne Hinweissysteme weiter zu stärken und klar zu kommunizieren, dass Hinweise ernst genommen und professionell bearbeitet werden.

Anonyme Hinweise als zweischneidiges Schwert

Ein weiterer zentraler Befund von NAVEX betrifft den Anteil an anonymen Meldungen: Im Median werden 58 Prozent der Meldungen in Unternehmen auf dem europäischen Festland anonym eingereicht. Für manche Mitarbeitende sei Anonymität eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Meldungen überhaupt erst eingereicht werden.

Gleichzeitig kann ein hoher Anteil anonymer Hinweise jedoch auch darauf hindeuten, dass Mitarbeiter mögliche negative Konsequenzen oder persönliche Nachteile befürchten. „Anonymität ist ein wichtiges Instrument, um Hemmschwellen abzubauen“, erklärt Riehl und fügt hinzu: „Langfristig müssen Unternehmen jedoch weiter daran arbeiten, Vertrauen in ihre Unternehmenskultur aufzubauen.“

Für Unternehmen bedeute dies, dass Whistleblowing-Systeme ihre volle Wirkung nicht allein durch technische Sicherheit entfalten können. Entscheidend sei, ob sie als zuverlässige und transparente Instrumente wahrgenommen werden und ob die Mitarbeiter darauf vertrauen, dass ihre Bedenken ernst genommen werden und sie vor Repressalien geschützt sind.

Bearbeitungszeiten als entscheidender Faktor

Neben der Frage, ob Hinweise überhaupt gemeldet werden, ist auch entscheidend, wie sie bearbeitet werden. Auf dem europäischen Festland ist die Medianzeit demnach bis zum Abschluss eines Falles – 53 Tage – über mehrere Jahre hinweg generell konstant geblieben, trotz steigender Meldungszahlen.

„Dies deutet darauf hin, dass die Unternehmen trotz einer höheren Fallzahl zumindest in der Lage sind, das Meldevolumen zu bewältigen“, so Riehl. Für Organisationen sei dies jedoch mehr als eine operative Kennzahl: Langsame Prozesse und verzögerte Reaktionen erhöhen das Risiko, dass Probleme zu spät erkannt werden, außerhalb des Unternehmens eskalieren oder sich wiederholen. Gleichzeitig geht wertvolle Zeit verloren, in der Unternehmen aktiv gegensteuern können.

„Außerdem könnten Mitarbeitende das Gefühl bekommen, dass ihre Vorwürfe nicht effizient aufgearbeitet werden, was wiederum ihr Vertrauen in solche Systeme schwächt“, warnt der Experte. Zeit sei im Risikomanagement daher ein entscheidender Faktor, wie Riehl ausführt: „Je schneller Hinweise geprüft und eingeordnet werden, desto besser können Unternehmen Risiken bewerten und geeignete Maßnahmen setzen.“

Mehr Transparenz als Teil von Compliance

Vor diesem Hintergrund verändere sich auch der Blick auf interne Meldesysteme. Unternehmen profitieren nicht von möglichst wenigen Meldungen, sondern von mehr Transparenz und einer stärkeren Nutzung aller internen Berichtsmechanismen. Hinweise liefern wichtige Informationen über potenzielle Risiken, strukturelle Schwachstellen und operative Herausforderungen.

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