Interview. Durch den Sparkurs von Bund, Wirtschaftskammer & Co fallen tausende Jobs für Juristen aus, befürchtet Juristenverband-Präsident Scheuwimmer. Nur eine Sparte wächst kräftig.
Extrajournal.Net: Der Wirtschaft geht es wegen des Iran-Kriegs schlecht, der erhoffte Aufschwung fällt schwächer aus als erwartet, die Regierung spart. Wie wirkt sich das auf den Arbeitsmarkt für Juristen aus?
Alexander T. Scheuwimmer: Tatsache ist, dass die Arbeitslosenzahlen bei den Akademikern generell steigen. Inzwischen sind bereits 34.000 Hochschulabsolventen arbeitslos gemeldet. Das ist bei insgesamt bald fast einer Million Akademikern zwar eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote von knapp unter 4 Prozent, aber sie steigt eben derzeit besonders stark.
Ich habe die Befürchtung, dass von den aktuellen Sparmaßnahmen auch in der öffentlichen Verwaltung die Juristen besonders getroffen sein werden. Rund 60.000 bis 90.000 Juristen gibt es in Österreich, von denen rund 30 Prozent in der öffentlichen Verwaltung arbeiten. Keine andere Berufsgruppe hat einen so starken Anteil an Jobs im öffentlichen Dienst. Ein Einstellungsstopp der öffentlichen Hand würde sie daher besonders stark treffen.
Die meisten Juristen arbeiten außerhalb der Gerichte
Bei den Gerichten soll nicht gespart werden, hat die Regierung angekündigt.
Alexander T. Scheuwimmer: In der Gerichtsbarkeit sind aber bloß etwa 2.000 Juristinnen und Juristen als Richter oder Staatsanwälte beschäftigt. Fast alle Juristen sind außerhalb davon beschäftigt und meist auch keine Beamte. Sie arbeiten bei Ländern, Gemeinden, Kammern, Sozialversicherungsträgern usw. – meist in der Verwaltung.
Das Sparpaket wird hier möglicherweise auf einen Aufnahmestopp hinauslaufen und das würde bedeuten, dass für 30 Prozent in den nächsten Jahren die Arbeitgeber wegfallen. Das ist meine Befürchtung. Dass die öffentliche Hand für die frisch gebackenen Juristinnen und Juristen als Arbeitgeber quasi ausfällt, hat es zuletzt in den 1990er Jahren im großen Stil gegeben.
Wie viele Berufsanfänger gibt es pro Jahr?
Alexander T. Scheuwimmer: Etwa 2.500 bis 3.000 Juristen jedes Jahr. Die Zahl schwankt je nachdem ob man Studenten, die ein weiteres Studium machen – insbesondere Bachelorabsolventen, die den Master anhängen – zählt und wie man die verschiedene Privatuni-Abschlüsse zählt. Meine Befürchtung lautet nun, dass es für diese Menschen schwerer werden wird – im Falle eines Aufnahmestopps in vielen Teilen der Verwaltung und nach dem 25-prozentigen Personalabbau der Wirtschaftskammer Österreich, der möglicherweise auf Ebene der Landeskammern und anderer öffentlicher Einrichtungen weitere Nachahmer finden wird.
Unternehmen bieten wegen der Wirtschaftslage weniger Jobs
Wie sind die Jobchancen bei den übrigen 70 Prozent der Arbeitgeber – also bei Anwaltskanzleien, in den Rechtsabteilungen der privaten Unternehmen usw.? Wirkt sich hier die flaue Wirtschaftslage aus? Reduziert der Einsatz von KI-Tools – wie von vielen befürchtet – die Jobchancen für Einsteiger?
Alexander T. Scheuwimmer: Die Aufnahmekapazität der Unternehmen ist wegen der Wirtschaftslage derzeit sicher schwächer. Bei den Anwälten könnte die zunehmende Einführung von KI-Tools dazu führen, dass in neu gegründeten Kanzleien Konzipienten vielleicht 6 bis 12 Monate später eingestellt werden als bisher. Vielleicht wird auch die eine oder andere Kanzlei auf die Einstellung ganz verzichten. Aber alles in allem hat KI noch keine spürbare dämpfende Wirkung auf die neuen Jobs in den Kanzleien.
Man muss vielleicht einschränkend sagen, dass der Trend zu Agenten / Artefakten wie auch Anwendungen wie OpenClaw hier vielleicht etwas ändern könnte. Aber derzeit zumindest sehen wir keinen massiven Rückgang der offenen Stellen. Und der Juristenverband ist die größte Organisation seiner Art in Österreich; auch die Rechtsanwaltsanwärter gehören zu unseren Mitgliedern.
Eine Sparte wächst trotz allem weiter
Gibt es neue Berufschancen für Juristen, neue Beschäftigungsfelder abseits der öffentlichen Hand, Kanzleien und Rechtsabteilungen?
Alexander T. Scheuwimmer: Die gibt es tatsächlich, und das hat auch Auswirkungen auf die Ausbildung: Der Trend zum Anwachsen der Compliance-Abteilungen in den Unternehmen. Früher war Compliance ein Anhängsel der Rechtsabteilung, heute sind die Compliance-Abteilungen bei vielen größeren Unternehmen schon doppelt so groß wie die Rechtsabteilung. Die Rechtsabteilung wird heute oft als eine Art interne Servicestelle gesehen, die zum Beispiel Verträge überprüfen oder mit Klagen umgehen soll, während Compliance in der Hierarchie oft höher angesiedelt ist und direkt an den CEO berichtet – auch als eine Art Airbag für die Verantwortlichen, um es jetzt einmal überspitzt zu formulieren. Das erinnert ein wenig an die Abspaltung der Controlling-Abteilung von Buchhaltung und Steuerberatung vor einigen Jahrzehnten.
Das Jus-Studium als bester Weg
Allerdings ist und bleibt der beste Weg zum Compliance Officer ein zügiges Studium an einer guten juristischen Fakultät mit halbwegs guten Noten und ein paar Praktika. Das kommt nicht aus der Mode. Wobei es heute noch mehr hilft, Kenntnisse im Europarecht und auch im Umgang mit anderen europäischen Behörden zu haben. Ich erinnere nur an die Banken: Früher hatte die OeNB beinahe die alleinige Aufsicht. Heute hat man es als Compliance-Fachkraft in einer Bank mit rund 12 Behörden zu tun, von denen nur die Hälfte in Österreich angesiedelt sind.
Das Endresultat ist jedenfalls, dass die Compliance-Abteilungen weiter wachsen. In manchen juristischen Fachgebieten herrscht durchaus Druck durch neue Legal Tech-Tools. Due Diligences sind heute tatsächlich schneller und kostengünstiger möglich. Standardaufgaben wie die Gesellschaftsgründung wurden auch einfacher gemacht.
Trifft der Spardruck in der Wirtschaft auch die Anwälte?
Alexander T. Scheuwimmer: Da und dort hat es natürlich die Auswirkungen. Aber von den derzeit 7.200 österreichischen Anwältinnen und Anwälten in den rund 5.000 Kanzleien ist nur ein kleiner Teil als Wirtschaftsanwalt tätig. Die meisten sind Einzelanwälte oder in einer Regiegemeinschaft – also Büroteilung – im Geschäft. 95 Prozent machen weniger als 1 Mio. Euro Umsatz im Jahr. Die typischen Tätigkeitsgebiete dieser breiten Mehrheit an Anwaltskanzleien sind allgemeines Zivilrecht, Verkehrsrecht, Strafrecht usw. Diese Tätigkeitsgebiete spüren die aktuell flaue Wirtschaftslage nur eingeschränkt.
Im Interview
Alexander T. Scheuwimmer ist Präsident des Österreichischen Juristenverbands und Managing Partner von Anwaltskanzlei TAIYO Legal in Wien.
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