Rechtsprofis & Digitalisierung. Manz feiert heuer 40 Jahre RDB Rechtsdatenbank: Geschäftsführerin Susanne Stein-Pressl spannt im Interview den Bogen vom ersten Kanzlei-PC zu den neuesten KI-Tools.
Extrajournal.Net: Ihr Verlag feiert heuer 40 Jahre RDB Rechtsdatenbank. Seit den damaligen Pioniertagen hat sich die digitale Technik enorm weiterentwickelt, heute beherrschen neue KI-Tools die Diskussion. Was hat sich geändert, was ist gleich geblieben bei der Arbeit als Fachverlag?
Susanne Stein-Pressl: Die RDB wurde 1986 gegründet, zu einer Zeit, als digitale Informationssysteme noch Pionierarbeit waren. Initiiert von meinem Vater Franz Stein und seinem Cousin Anton Hilscher gelang es, gemeinsam mit Verlagen, Banken sowie Vertreter:innen der Rechts- und Steuerberatungsbranche eine Vision Wirklichkeit werden zu lassen: juristische Informationen elektronisch verfügbar zu machen. Die Möglichkeit, Inhalte elektronisch zu recherchieren, auszudrucken oder zu speichern, galt damals als revolutionär. Heuer haben wir auf die 40 seither vergangenen Jahre zurückgeblickt und festgestellt, dass die Geschichte der RDB aber weit mehr ist als die technische Entwicklung einer Rechtsdatenbank. Sie ist eine Geschichte von Menschen, die über vier Jahrzehnte hinweg mit großer Kontinuität, Fachkompetenz und Anpassungsfähigkeit daran gearbeitet haben, juristische Information zuverlässig zugänglich zu machen.
Besonders eindrucksvoll steht dafür Anita Nosko, die am im Juni 1986 ursprünglich für ein auf sechs Monate befristetes Projekt für die RDB zu arbeiten begann. Daraus wurden vier Jahrzehnte Mitarbeit. Auch jetzt, in ihrer Pension, arbeitet sie weiterhin zumindest stundenweise mit. Ihre Geschichte symbolisiert für mich die außergewöhnliche Kontinuität innerhalb der Organisation – nicht nur im Hinblick auf die RDB, sondern ganz Manz. Es ist schon außergewöhnlich, Menschen im Unternehmen zu haben, die 40 Jahre Firmengeschichte miterlebt haben. Ich kann mich aber auch selbst noch – aus meinen Kindertagen – an die Zeit erinnern, als mein Vater und mein Onkel ausgedehnte Reisen in die USA unternommen haben, um die neueste Computertechnik kennenzulernen. Mein Vater hat sich intensiv damit beschäftigt, nicht nur in der Firma – am Abend brachte mein Vater die Hardware dann nach Hause und arbeitete weiter damit. Das Resultat war der Start der RDB.
Die Autorinnen und Autoren als zentrale Aufgabe des Verlegers
Hat sich die Rolle des Fachverlags Manz beziehungsweise Ihre Rolle als Verlegerin durch die technischen Umwälzungen geändert?
Susanne Stein-Pressl: Die Technologie nimmt einen größeren Teil der Arbeit ein – das war bereits bei meinem Vater und meinem Onkel der Fall, die sich in der Ära der Akustikkoppler mit Online-Rechtsdatenbanken zu beschäftigen begannen – das war noch bevor es Telefon-Modems gab – und heute beschäftige ich mich mit KI und LLMs, Algorithmen und Cloud. Und das betrifft nicht nur die Arbeitszeit, auch der Umfang der Investitionen zur Einführung der neuen Technik ist nicht gering und war es schon in der Ära meines Vaters. Die Reise ist ja auch noch nicht abgeschlossen, die KI-Verarbeitung der Daten führt jetzt zu ganz neuen Produkten. Bei meinem Großvater, den ich persönlich nicht mehr erlebt habe, war der Anteil der Technik an der Verlagsarbeit wohl noch geringer. Andererseits hatte er die Druckerei aufzubauen – vielleicht ist es also gar nicht so anders gewesen.
Was konstant bleibt ist die Rolle des Verlegers, mit den Autorinnen und Autoren umzugehen. Denn der Autor hat auch in Zeiten der KI die entscheidende Rolle: Die KI kann zusammenfassen, bewerten und Texte generieren, aber die Meinung des Autors, die aus seinen Kenntnissen und seiner Lebenserfahrung resultiert, ist das eigentlich Entscheidende. Und der Umgang mit diesen Autoren, um das richtige Endergebnis für die Leserinnen und Leser zu schaffen, ist Hauptaufgabe des Verlegers. Es war immer schon eine Kunst, kompetente Autoren auszuwählen, die komplizierte Themen für den Leser nutzbringend gestalten können und dabei mit ihrer Meinung interessant sind. Diese Authentizität ist es nämlich, die für die Userinnen und User eigentlich interessant ist. Man liest ja auch einen Artikel in der Zeitung viel lieber, wenn erkennbar ist, aus welcher Ecke er stammt – beziehungsweise, welche Meinung sich der Autor gebildet hat, während er die Fakten dafür zusammengetragen hat. Man muss sich ja seinen Standpunkt nicht zu eigen machen, aber man liest es viel lieber als eine unkommentierte Aneinanderreihung von Fakten.
Ein Blick auf die digitale Geschichte
Ein wesentlicher Kern des Geschäfts bleibt also gleich?
Susanne Stein-Pressl: Während sich Technologien, Geschäftsmodelle und Nutzerbedürfnisse grundlegend verändert haben, ist der zentrale Anspruch, hochwertige Fachinformation bereitzustellen, immer derselbe geblieben. Über die Jahre hat sich unser Flaggschiff RDB dabei von der „elektronischen Buchhandlung“ zur umfassenden digitalen Wissens- und Rechercheplattform weiterentwickelt. Folgende wichtigen historischen Meilensteine möchte ich aufzählen:
- 2002: Einführung des neuen RDB-Portals mit moderner Suchtechnologie
- 2005: Start der MANZ Online-Bibliothek
- 2010: Verschmelzung der RDB mit Manz
- 2014/15: Zusammenführung von RDB und Manz Online-Bibliothek
- 2023: Integration von KI (Einführung der semantischen Suche, Ähnlichkeitssuche, Gesetzesampel)
Die RDB hat in ihren 40 „Lebensjahren“ viele technologische Schritte erlebt: BTX, Modems, Internet, Suchmaschinen, semantische Suchverfahren und nun künstliche Intelligenz. Dabei musste man sich immer wieder ein Stück weit neu erfinden. Das haben die Manz-Mitarbeiter:innen in Technik, Verlag und Produktion geschafft und damit die Qualität der RDB geprägt. Juristische Expertise und technisches Know-how arbeiten hier eng zusammen. Am 3. September lassen wir die RDB übrigens bei einer Geburtstagsparty mit der einen oder anderen 1980ies Reminiszenz so richtig hochleben – zusammen mit Manz Mitarbeiter:innen, Kund:innen und Autor:innen.
Wie viele Beschäftigte hat Manz derzeit, wie groß ist der Anteil der Digital-Profis?
Susanne Stein-Pressl: Wir sind derzeit rund 180 Personen, wobei inzwischen nahezu jedes Produkt eine digitale Komponente hat – insofern macht es wenig Sinn über den Digital-Anteil zu sprechen. Man kann aber sagen dass knapp ein Drittel unserer Beschäftigten IT-Fachkräfte sind – davon allein rund 40 in unserem Tochterunternehmen Manz Solutions. Ihre Anzahl ist in den letzten sechs bis sieben Jahren sicherlich um ein Drittel gestiegen. Der Gesamtpersonalstand ist dagegen weniger stark gewachsen, weil wir in den anderen Bereichen konsequent digitalisiert und Synergien genutzt haben.
Bei den neuen KI-Tools für Rechts- und Steuerwesen hat Manz wieder besonders frühe Produkt-Launches gesetzt – man hat sozusagen das Pionier-Dasein bestätigt. Welche Strategie verfolgen Sie dabei?
Susanne Stein-Pressl: In den letzten Jahren ist parallel zur RDB mit MANZ Genjus KI ein eigenständiges Rechercheprodukt auf Basis generativer KI entstanden – ein neuer Zugang zu juristischer Information, der über die klassische Datenbank hinausgeht. Damit rücken zunehmend Anwendungen in den Vordergrund, die Inhalte einordnen, verknüpfen und in einen unmittelbaren Zusammenhang bringen. Recherche wird so weniger zu einer Abfolge einzelner Suchschritte – und stärker zu einem Prozess des Verstehens. In dieser Dynamik in die Zukunft zu blicken, gleicht fast einem Blick in die Glaskugel. Sicher ist nur: Die Art, wie juristische Information gefunden, verknüpft und genutzt wird, wird sich grundlegend verändern – schneller, als wir es aus früheren technologischen Umbrüchen gewohnt sind.
„Sind mit weiteren Fachverlagen in Abstimmung“
So haben wir bei Genjus KI seit seiner Markteinführung im April 2025 bereits rund 20 Releases erfolgreich über die Bühne gebracht und damit neue Features, Sprachmodelle und Quellen eingeführt. Sie sehen, das Team arbeitet kontinuierlich und mit Hochdruck an der Weiterentwicklung des Produkts.
Kürzlich konnten wir beispielsweise die Inhalte von Facultas, finanzverlag und Kitzler Verlag integrieren. Mit weiteren Fachverlagen sind wir in Abstimmung. Die EUR-Lex steht in Genjus übrigens schon seit Anfang des Jahres zur Verfügung. Damit reichern wir das Manz Wissensnetzwerk, das unserer KI zugrunde liegt, kontinuierlich um kuratierte, zuverlässige Fachinhalte an. Um die Vielzahl an Quellen für die Nutzer:innen gezielt steuerbar zu machen, haben wir zuletzt auch einen Inhaltsfilter auf Kategorieebene eingeführt. Damit lässt sich beeinflussen, welche Inhalte in die Beantwortung von Anfragen einfließen und wie Ergebnisse kontextualisiert werden. Der Filter kann innerhalb einer Konversation flexibel angepasst werden und ermöglicht so eine differenzierte Steuerung auch bei Folgeanfragen.
MANZ-Noxtua ist quasi die nächste Ausbaustufe in unserem Angebot. Wir haben hier eine KI-Recherchelösung basierend auf unseren Daten in einen kompletten juristischen Workspace integriert. Die Technologie dahinter liefert das deutsche Unternehmen Noxtua, wir liefern unsere verlässlichen Fachinhalte. Manz ist dabei nur ein Teil des Ganzen – die Plattform vereint juristische Fachinformationen verschiedener Verlage und wird es Jurist:innen in Zukunft ermöglichen, effizient über unterschiedliche europäische Rechtsordnungen hinweg zu arbeiten.
Lesen Sie morgen in Teil 2 des Interviews: Warum das neue Tool MANZ-Noxtua die Spielregeln ändert, wie die Generationen auf digitale Tools zugehen und ob die Gerichte unter einer Flut von KI-generierten Eingaben unterzugehen drohen – bzw. welche Mittel es dagegen gibt.
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