30. Jan 2013   Recht

Recht.Extrajournal.Net Dossier: Wolf Theiss stellt Headquarter Wien in Frage

Erik Steger © Wolf Theiss
Erik Steger © Wolf Theiss

Wien. Erik Steger, Managing Partner von Österreichs größter Wirtschaftskanzlei Wolf Theiss, spricht in Recht.Extrajournal.Net Dossier über seine Auslandsexpansion und warum Wien als Standort für Großkanzleien zurückfalle.

Unzu­frie­den­heit mit den recht­li­chen und steu­er­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen am Stand­ort Wien könnte einige Groß­kanz­leien mit ihren hun­der­ten Anwäl­ten dazu zwin­gen, ihr Haupt­quar­tier nach Lon­don zu ver­la­gern — seine eigene ein­ge­schlos­sen, so Steger. 

Betrof­fen von einem sol­chen Exo­dus wäre zwar nicht die gesamte Mann­schaft, aber der Sitz der Hol­ding, sagt Ste­ger — mit allen Kon­se­quen­zen für die gül­tige Rechts­ord­nung und auch das Steu­er­auf­kom­men in Wien.

Recht.Extrajournal.Net: Sie haben im vergangenen Herbst ein Büro in Polen eröffnet, indem Sie die bestehende Niederlassung der deutschen Großkanzlei Beiten Burkhardt übernommen haben. Wieso dieser Schritt nach Warschau zu einem Zeitpunkt, als die meisten Großkanzleien wegen der Wirtschaftsflaute kaum an neue Büroeröffnungen gedacht haben?

Erik Steger: Polen ist ein sehr wichtiger Markt, die polnische Wirtschaft stark. Im Jahr 2011 war die polnische Hauptstadt Warschau am aktivsten bei IPOs, deutlich vor der Wiener Börse. Warschau ist eine Drehscheibe für das Wertpapiergeschäft. Seit über vier Jahren ist uns klar, dass wir dort ein Büro brauchen, wir sehen Polen schon lange als wichtig an. Die Schwierigkeit lag darin, dass es nicht einfach ist, so etwas auf der grünen Wiese zu errichten. Ideal war, ein bestehendes Büro zu übernehmen – das aber freilich zu uns passen musste. Die Gelegenheit ergab sich schließlich bei Beiten Burkhardt. Das war keine feindliche Übernahme, sondern erfolgte im beiderseitigen Einverständnis. Wir verstehen uns auch jetzt noch gut mit Beiten Burkhardt.

Beiten Burkhardt und Wolf Theiss würden sich auch anderswo gut ergänzen, so hat Beiten Burkhardt z.B. im Gegensatz zu Wolf Theiss ein Büro in China. Wird es da in Zukunft weitere Kooperationen geben, vielleicht sogar eine Fusion oder den gemeinsamen Auftritt unter einer Dachmarke, wie das enwc in Österreich mit Taylor Wessing macht?

Steger: Da ist nichts angedacht. Beiten Burkhardt hat andere Schwerpunkte als wir, hat zum Beispiel einen starken Fokus bei der öffentlichen Hand als Auftraggeber. In geeigneten Fällen werden wir auch künftig gemeinsam an Mandaten arbeiten, an eine Fusion oder eine Dachmarke ist nicht gedacht, weil wir beide auch andere Partner haben.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie im neuen Büro in Polen?

Steger: 54 Mitarbeiter in Summe, davon 36 Juristen. Es ist das zweitgrößte Büro nach Wien, mit rund neun Prozent aller Mitarbeiter unserer Sozietät.

Das Tätigkeitsgebiet von Wolf Theiss umfasst Zentral- und Osteuropa. Wie geht es dort wirtschaftlich?

Steger: Zentral- und Osteuropa ist derzeit eine wirtschaftlich sehr inhomogene Region. Ausländische Investoren spielen weiterhin eine wichtige Rolle, nur geht man unterschiedlich mit ihnen um. In manchen Ländern sind ihre Möglichkeiten eingeschränkt, beispielsweise in Slowenien. Andere Länder schrecken sie aktiv ab, vor allem Ungarn. Dann gibt es Länder, bei denen es noch nicht ganz klar ist, in welche Richtung es gehen wird, etwa die Ukraine. Aber es gibt auch eine Gruppe von sehr stabilen Ländern wie Tschechien und Polen – auch ohne Euro.

Früher war die Beratung bei Mergers & Acquisitions ein Hauptarbeitsfeld der Sozietäten; in letzter Zeit ist es allerdings durch die Flaute zurückgegangen. Womit lässt sich in der Rechtsberatung in Zentral- und Osteuropa derzeit am meisten verdienen?

Steger: In allen Ländern ist verstärkte Regulierung festzustellen. Das passiert durch die Fortentwicklung des Marktes, durch die fortschreitende Annäherung an Westeuropa. Daher gibt es die Regulierungsberatung als wichtiges Arbeitsgebiet. Aber auch Erneuerbare Energien sind bedeutsam, und ebenso Konventionelle Energien – weil viele Länder die Gelegenheit benutzen, um ihre Infrastruktur auf Vordermann zu bringen. Weiters sind Private-Public Partnerships (PPP) wichtig – es herrscht überall das Diktat der leeren Kassen, wobei manche Länder mit diesem Thema offener und mutiger umgehen.

Haben Sie eigentlich in manchen Ländern Ihre Büros reduziert?

Steger: Praktisch nirgends. In Prag sind wir derzeit kleiner als früher, das ist allerdings durch Abgänge bedingt; wir möchten das wieder aufstocken. Die Ukraine ist etwas kleiner als früher. Was geschrumpft ist, ist vor allem unser Wiener Büro: Heute haben wir hier um etwa 10 bis 15 Prozent weniger Mitarbeiter als vor vier Jahren.

Weil mehr Funktionen auf Büros in anderen Ländern verteilt wurden?

Steger: Vor allem weil weniger Arbeit da war. Wir haben früher als andere Sozietäten auf die Krise reagiert; seit etwa 18 Monaten stocken wir in Wien bereits wieder auf.

Sehen Sie den Wirtschaftsstandort Wien im Vergleich mit anderen zentral- und osteuropäischen Hauptstädten als geschwächt an?

Steger: Die Gesetzgebung macht im Moment Dinge, die den Standort verschlechtern. Der letzte große Wurf war die Gruppenbesteuerung – sie hat den Verlustausgleich innerhalb von Unternehmensgruppen erleichtert und damit für viele Konzerne die Attraktivität Österreichs erhöht. Doch die letzten Steuerreformen haben sich alle als schwächend auf den Wirtschaftsstandort ausgewirkt. Unternehmen, die sich in der Region ansiedeln wollen, überlegen natürlich wo sie hingehen. Der Zuwachs an neuen Headquarters in Wien hat bereits abgenommen. Zwar liegt Wien immer noch ausgezeichnet, was die Lebensqualität anbelangt, die tatsächlich für viele Unternehmen ein wichtiger Faktor ist. Aber wenn es um´s Geld geht, verliert Wien an Boden. Es werden vielleicht nominell keine HQs aus Wien abgezogen, aber es werden viele ausgehöhlt: es werden immer mehr Funktionen abgezogen und in andere Städte transferiert.

Viele Nachbarländer bieten steuerlich ein attraktiveres Umfeld, auch wenn sich dies in letzter Zeit relativiert, beispielsweise durch den Abgang der Slowakei von der Flat Tax. Letzteres muss man nüchtern sehen. Natürlich übt eine Flat Tax eine starke Anziehungskraft auf ausländische Investoren aus. Und ebenso natürlich ist es nach einigen Jahren für einen Staat vielleicht verlockend, von dieser Flat Tax wieder abzugehen – dadurch steigen nämlich die Einnahmen, und die Investoren, die vorher wegen der Flat Tax gekommen sind, haben sich ja bereits angesiedelt und können das nicht so einfach wieder rückgängig machen.

Es besteht also nicht die Gefahr, dass Wolf Theiss eines Tages sein Hauptquartier aus Wien abzieht, um es beispielsweise nach Warschau oder Prag zu verlagern?

Steger: Das würde ich so nicht sagen. Auch für uns als große Wirtschaftskanzlei gibt es gewisse Standards, rechtliche Tatsachen, Standortfaktoren, usw. Wir wünschen uns, dass auch in Österreich so wie beispielsweise in Deutschland die Möglichkeit besteht, eine internationale Rechtsanwaltskanzlei in einer geeigneten Rechtsform wie beispielsweise einer GmbH & Co KG zu führen. Das hätte organisatorische und steuerliche Vorteile und würde auch bedeuten, dass unsere Partner nicht persönlich unbeschränkt haften.

Vor allem würde uns das ermöglichen, dass ausländische Anwälte Partner in unserer Sozietät werden. Derzeit ist das unter anderem für Nicht-EU-Anwälte noch nicht möglich, und das ist ein echter Wettbewerbsnachteil in der heutigen Zeit für uns – denn auch die großen Anwaltskanzleien sind heute international tätig und müssen sich international koordinieren. Es gibt dazu angeblich sogar schon einen Gesetzesentwurf im Justizministerium, doch er kommt nicht und nicht in Fahrt.

Wenn Sie diese Möglichkeit also nicht in den nächsten Jahren, erhalten, könnte Wolf Theiss seinen Hauptsitz in ein anderes Land verlagern?

Steger: Ich glaube nicht, dass wir darauf jahrelang warten können. Ich hätte die GmbH & Co KG gerne bis September 2013, denn dann können wir rückwirkend mit Jahresanfang umwandeln. Es könnte sonst sein, dass einige große österreichische Anwaltskanzleien LLPs in England gründen, um den Sitz dorthin zu verlagern.

In Deutschland hat das beispielsweise die Sozietät Noerr getan, was für erhebliches Aufsehen gesorgt hat und entsprechenden Druck erzeugte, die Möglichkeit einer geeigneten deutschen Rechtsform einzuführen. Tatsächlich ist das in Deutschland dann auch geschehen. Die Vergesellschaftung mit internationalen Partnern würde dadurch für uns leichter werden. Gerade wenn man international tätig ist, ist das wichtig. Derzeit kann ein ukrainischer oder amerikanischer Anwalt nicht so einfach Partner bei Wolf Theiss werden.

Sie müssten vermutlich nicht unbedingt die gesamte Mannschaft nach London verlagern, wenn Sie dort Ihren Hauptsitz errichten?

Steger: Durchaus nicht, aber der Sitz der Holding wäre eben woanders. Man würde die Hauptversammlungen und Board Meetings in London abhalten, und natürlich hätte das Ganze erhebliche steuerliche Effekte. Bei der Kaufkraft würde sich für Wien also nichts ändern, aber sehr wohl beim Steueraufkommen, das durch die Wirtschaftskanzleien hier anfällt.

Ist Ihre Auslandsexpansion eigentlich schon beendet?

Steger: Derzeit sind wir damit beschäftigt, Polen zu integrieren, das ist ein erheblicher Aufwand. Weitere große Expansionsschritte stehen nicht an, aber natürlich werden die Ränder unseres jetzigen Tätigkeitsbereichs für uns interessant. Das ist in erster Linie die Türkei. Wir sehen uns an, was andere dort machen. Es handelt sich ja um einen traditionell gewachsenen Markt, bei dem erst in letzter Zeit die Öffnung es anderen ermöglichte, dort hinzugehen. Wir sind am Beobachten, wie gut es denen geht.

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