29. Aug 2019   Personalia Recht Tech Tools

CMS-Chef Johannes Juranek: „Es ist die Ruhe vor dem Sturm“

Johannes Juranek Credit Michael Sazel
Johannes Juranek ©Michael Sazel

Interview. Seit einem halben Jahr ist Johannes Juranek neuer Managing Partner der Wirtschaftskanzlei CMS in Wien. Der IT-Rechtsexperte über Internationalität und Legal Tech, die Auswirkungen der DSGVO, die Ernennung eines neuen COO und mehr.

Extrajournal.Net: Sie sind seit Februar 2019 als Managing Partner von CMS Reich-Rohrwig Hainz im Amt. Wie haben Sie das erste halbe Jahr in der neuen Position erlebt – und was bringt die Tätigkeit mit sich?

Johannes Juranek: CMS als internationaler Verbund von Kanzleien mit starkem Fokus auf Wirtschaftsrecht hat Büros in Europa, Südamerika, Afrika und Asien. CMS Wien selbst verfügt über 10 Tochterunternehmen in Südost- und Osteuropa einschließlich der Türkei mit insgesamt rund 150 Juristen einschließlich 21 Equity Partnern.

Es ist also eine bedeutende Organisation, für die ein Managing Partner bei uns zuständig ist. Gewählt wird alle drei Jahre. Zum Verantwortungsbereich gehören der Standort Wien und die Tochtergesellschaften in Südost- und Osteuropa.

Der Tätigkeitsbereich umfasst u.a. die Vorbereitung und Leitung unserer monatlichen Partnerversammlung, die Vertretung der Kanzlei nach Außen, Budgetierung und Rechnungswesen sowie die Koordination der Support-Abteilungen wie Marketing und Business Development, PR, HR und IT.

„Neuer COO ab September 2019“

Zur Koordinierung der Support-Abteilungen wird es bei uns ab 1. September 2019 auch erstmals einen Chief Operating Officer (COO) geben, nämlich Rupert Hartzhauser: Er wird an Sitzungen unseres Management Comittees teilnehmen und in enger Abstimmung mit mir arbeiten. Er ist auch für die Finanzabteilung zuständig.

Was ist die Überlegung hinter dieser Neuernennung, die ja eine Veränderung der Organisation mit sich bringt?

Juranek: Die Idee ist eine noch bessere Koordination, wie sie ja zwischen vielen Bereichen der Kanzlei unerlässlich ist. Zum Beispiel muss ja die HR stets mit der Finanzplanung koordiniert sein. Das haben wir natürlich schon bisher gemacht, aber es geht jetzt darum, diese Abstimmung auf eine institutionelle Ebene zu heben.

Hartzhauser war Director of Business Development beim CMS Verbund in Frankfurt, er kennt den Verbund wie kein anderer und hat viel Erfahrung. Es gibt auch in anderen CMS-Büros vergleichbare Institutionen wie unsere. Es geht natürlich auch darum, die nationale Strategie mit der CMS-Strategie zu koppeln.

Meine Aufgabe ist es auch, mich um die Strategie zu kümmern. Wir haben ein Managing Committee (MC) in Wien gewählt, mit dem ich strategische Fragen abstimme: Das MC besteht aus vier Partnern. Unser zukünftiger COO wird an den Sitzungen teilnehmen. Das MC tagt wöchentlich und fungiert als Beratungsgremium. Drei der vier Partner im MC leiten Niederlassungen in CEE, was die Wichtigkeit unserer Niederlassungen in dieser Region für uns widerspiegelt.

Wer sind die Partner im MC?

Juranek: Die Mitglieder sind Gregor Famira, der die Büros in Kroatien und Slowenien leitet und der CEE-Koordinator unserer Kanzlei ist, Döne Yalcin leitet das Büro in Istanbul, Johannes Trenkwalder leitet das Office in der Ukraine und Egon Engin-Deniz leitet den Bereich IP. Die CEE-Organisation ist durch das MC stark in die Gesamtstrategie der Kanzlei eingebunden. Unsere Büros haben sich zuletzt trotz teilweise herausforderndem Umfeld wirtschaftlich gut entwickelt.

„Wir legen großen Wert auf Internationalität, das unterscheidet uns von anderen“

Aufgabe des Managing Partners ist auch die Vertretung von CMS in Wien und CEE im internationalen CMS Executive Committee. Die Themen dort sind unter anderem Strategie, Erweiterungen, sowie auch Anschaffungen wie Legal Tech für den Kanzlei-Verbund.

All das dient unserem Grundprinzip der geographisch möglichst breiten Vertretung und einem umfassenden Beratungsspektrum für unser Mandanten. Unser Anspruch ist, dass CMS gegenüber Mandanten als eine Firma auftritt. Wir legen großen Wert auf Internationalität, das hebt uns von typischen österreichischen Kanzleien ab. Wir wollen mit unseren Mandanten auch eine „geographische Partnerschaft“ haben.

Als Sie 2018 gewählt wurden, war der Start der Datenschutz-Grundverordnung DSGVO gerade ein hochaktuelles Thema. Haben die Partner von CMS Wien beschlossen, der Einfachheit halber gleich den IT-Rechtsexperten der Kanzlei zum Managing Partner zu machen?

Juranek: So war es natürlich nicht, es spielt kaum ein einzelner Faktor die ausschlaggebende Rolle. Ich habe aber sehr wohl meine Strategie präsentiert und dabei die Überzeugung vertreten, dass das Geschäft der Anwaltskanzleien sich durch die Digitalisierung stark verändern wird. Mitarbeiter wie Mandanten erwarten sich heutzutage einfach eine höhere Technisierung in unserer Arbeit. Wir sehen uns in der CMS-Allianz als Vorreiter in Sachen Legal Tech.

Wie drückt sich diese Rolle aus?

Juranek: Wir sind technisch ganz vorne dabei und setzen die Technik ein, um unsere Arbeit effektiver zu machen. Wir werden oft gefragt, warum wir nicht bei diversen österreichischen Legal Tech Hubs mitmachen. Der Grund ist einfach: Wir haben unsere eigene Allianz, nämlich den CMS-Verbund, der bereits sehr gute eigene Produkte im Einsatz hat bzw. an neuen arbeitet. Wir haben bereits viel Know-how darin, die neue Technologie nutzbringend einzusetzen.

Wir sagen: Wir arbeiten nicht mit künstlicher Intelligenz – auch wenn manche Tools so klassifiziert werden – sondern wir arbeiten mit natürlicher Intelligenz; die ist nämlich ausschlaggebend, unser Geschäft ist immer noch ein People´s Business.

Bei der Arbeit helfen lassen kann man sich freilich sehr wohl, z.B. in Sachen Vertragsmuster, bei Recherchen usw. Natürlich haben wir Tools für diverse Einsatzzwecke, z.B. in der Due Diligence und dort auch mit KI. Aber wir besprechen mit unseren Mandanten den Leistungsumfang unserer Arbeit und dann bekommen sie von uns genau das, was sie auch wollen.

Eine Frage zu Ihrem unmittelbaren Fachgebiet. In der Öffentlichkeit hat die DSGVO vor allem durch ihre enorm hohen Strafrahmen für Aufsehen gesorgt. Jetzt gilt sie seit über einem Jahr, doch die befürchtete Flut von Strafen scheint auszubleiben?

Juranek: Der Eindruck täuscht, es ist die Ruhe vor dem Sturm. Nur um zu verdeutlichen, wie ernst wir das Thema nehmen: Wir als CMS Wien haben jetzt beispielsweise selbst einen bei der Datenschutzbehörde gemeldeten Datenschutzbeauftragten. Wir haben festgestellt, dass das für eine Anwaltskanzlei einfach ratsam ist, denn wir haben u.a. mit besonderen Datenkategorien zu tun, etwa mit Gesundheitsdaten im Zusammenhang mit diversen Mandaten. Die Bestellung hat Vorteile, es gibt einen Ansprechpartner und Awareness. Wir haben inzwischen auch eine ehemalige Mitarbeiterin der Datenschutzbehörde an Bord.

CMS selbst ist „GDPR-compliant“. Das betrifft die eigene Technik, unsere Datenschutzerklärungen, Policies usw. Wir haben auch Verhaltensregeln für die Mitarbeiter, z.B. für den Fall eines Data Breach usw. Das wird auch deswegen immer wichtiger, weil manche Klienten ganz gezielt nach unseren technischen und organisatorischen Sicherheitseinrichtungen im Rahmen ihrer eigenen Compliance fragen.

Was die hohen Sanktionen der DSGVO betrifft, so gab es immerhin bereits Landmark Cases mit sehr hohen Strafen, etwa bei Google, British Airways oder auch Marriott. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass da jetzt mehr kommen wird, auch in Österreich. Die DSGVO hat den Datenschutz nicht „erfunden“, sie hat nur eine umfassende Regelung getroffen und vor allem höhere Strafen sowie diverse Compliance Anforderungen eingeführt. Die Überlegung war, dass sich Compliance auszahlen muss.

„Das nächste Thema wird künstliche Intelligenz, ihre Auswirkungen – und wer dafür haftet“

Es gab bis jetzt die Tendenz der Behörden, sich mit den „größeren Fischen“ zu beschäftigen. Das bedeutet aber nicht, dass anderen nicht auch irgendwann eine Strafe droht. Die größte Gefahr für behördliche Untersuchungen ist ja nicht das aktive Vorgehen der Behörde selbst, sondern das Handeln der Betroffenen oder anderer Gruppen wie beispielsweise Mitarbeiter, die Sachverhalte bei der Behörde anzeigen. Die DSGVO gewährt das Instrument des Auskunftsbegehrens. Wer darauf nicht schnell genug oder in einer für den Betroffenen befriedigenden Art und Weise reagiert, riskiert, dass sich die Betroffenen an die Behörde wenden und diese damit mobilisieren.

Dass die DGVO eine immer größere Rolle spielt, sieht man auch daran, dass es praktisch keine Due Diligence mehr ohne Datenschutz-Aspekt gibt. Klienten verlangen jetzt bei der Due Diligence das ganz genaue Abklopfen aller Datenschutz-Risiken.

Auch eine Weiterentwicklung ist bei unseren Aufgabenstellungen festzustellen: Galt es 2018 vor allem, formelle Compliance wie beispielsweise ein Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten aufzubauen und die von der DSGVO geforderten Verträge und Policies aufzustellen, so verlagert sich das Beratungsfeld stark in die Richtung der Gestaltung von DSGVO-konformen Anwendungsfällen und Projekten. Diese praktischen Fälle werden immer spannender für Rechtsmarkt: Da geht es etwa um die Cloud, um Kundenscreenings, künstliche Intelligenz, zielgerichtete Werbung sowie um Bonus-Klubs u.v.m.

Künftig werden wir uns auch mit Themen der künstlichen Intelligenz sowie deren Auswirkungen beschäftigen müssen. Wer haftet beispielsweise, wenn künstliche Intelligenz Schäden anrichtet? Wem wird das IP zugerechnet, dass durch künstliche Intelligenz geschaffen wird? Eines ist sicher, spannende Themen werden in diesem Rechtsgebiet immer bleiben.

Dr. Johannes Juranek ist Managing Partner von CMS Wien.

Link: CMS Reich-Rohrwig Hainz

 

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