18. Nov 2014   Business

Knapp 200.000 Unternehmen in Europa pleite, so KSV-Insolvenzchef Hans-Georg Kantner

Hans-Georg Kantner ©Petra Spiola
Hans-Georg Kantner ©Petra Spiola

Wien. Im Jahr 2013 sind die Insolvenzzahlen in Europa um 1,4 Prozent gestiegen: auf 192.700 Unternehmen. Im Jahr davor hatte es einen Zuwachs von 2,9 % gegeben.

Das Jahr 2014 fing auf den ersten Blick recht gut an: Europaweit sank die Zahl der Pleiten bis zur Jahreshälfte um fast 5 Prozent. Doch Vorsicht ist angebracht, warnt KSV-Leiter Insolvenz Hans-Georg Kantner in einer aktuellen Analyse: Der Rückgang sei wohl nur vorläufig.

In einigen Ländern setzten sich Trends fort, beispielsweise die Zuwächse der vorangegangenen beiden Jahre in Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Schweden und Spanien. In dieser Zeit konnten Dänemark, Deutschland, Griechenland und Großbritannien Rückgänge verzeichnen.

Dazwischen liegt Österreich: Nahmen die Insolvenzen im Jahr 2012 um 2,9 Prozent zu, so gingen die Zahlen 2013 wieder um nahezu 10 Prozent zurück – allerdings nur, um 2014 wiederum leicht anzusteigen, analysiert Hans-Georg Kantner, KSV1870 Leiter Insolvenz.

Rückgang bei Pleiten nur vorläufig

Die Gesamtzahlen an Unternehmenspleiten in Europa sind in den ersten sechs Monaten 2014 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2013 um fast 5 Prozent zurückgegangen. Dies sollte man jedoch keinesfalls als Entspannungsindikator werten, heißt es weiter: Der Rückgang sei vielmehr als Nachhall der vergangenen zwei Jahre zu verstehen, die wirtschaftlich vom Meistern der Eurokrise und damit einigem Zweckoptimismus geprägt waren.

Wahrscheinlich werde man schon nächstes Jahr anhand der Zahlen das Ende dieser optimistischen Phase erkennen können, so Kantner.

Süden mehr schlecht als recht

Österreich, Deutschland und der Nordwesten Europas stellen sich ihren Problemen schneller und kompromissloser als andere. Im Gegensatz dazu scheint vor allem im Süden Europas ein Klima des offiziell sanktionierten >Weiterwurstelns< zu herrschen. Wenn die ohnehin sehr niedrigen griechischen Zahlen zwei Jahre lang rückläufig sind, bedeute das leider nicht automatisch, dass die Strukturprobleme der Wirtschaft beherzt angegangen und gelöst worden sind, so der KSV.

Die Großen und die Kleinen

Das kleine Österreich steht in Europa gemessen an der Wirtschaftsleistung an zwölfter Stelle: Andere Länder, die an Einwohnern auch nicht oder nicht wesentlich größer sind – wie die Schweiz (8 Mio.), Schweden (9,5 Mio.) oder Norwegen (5 Mio.) – sind deutlich stärker positioniert. Im Falle Norwegens wird immer gerne das Nordsee-Öl und –Gas ins Treffen geführt. Doch dieses spielt in Schweden oder der Schweiz ganz augenscheinlich keine Rolle.

Schon ein rascher Blick zeige, wo die strukturellen Probleme der großen Volkswirtschaften liegen: Rezessionen in Italien, Spanien und den Niederlanden können Österreichs Wirtschaft nicht kalt lassen. Alle drei Länder verzeichnen fast >lehrbuchgemäß< entsprechende Insolvenzzuwächse.

Polen liegt durch seine extrem erfolgreiche Aufholjagd in den vergangenen 15 Jahren mittlerweile in der Mitte Europas und hat es verstanden, seine Mittlerrolle am Ostrand Europas auch wirtschaftlich zu nutzen.

Es geht talwärts in Europa

Die Konjunktur in Europa trübt sich derzeit spürbar ein, so die KSV-Analyse weiter: Auch Deutschland musste seine Erwartungen nach unten schrauben. Damit ist die Export- und Wachstumslokomotive, an der auch Österreichs Wirtschaft hängt, derzeit wesentlich langsamer unterwegs als in den vergangenen Jahren. Konjunkturforscher und Volkswirte verkünden bereits das Ende des Wirtschaftswachstums, wie wir es kennen und fordern die Politik auf, sich in ihren Maßnahmen auf Jahre der Stagnation einzustellen.

Blickt man auf Österreich, dürfe man sagen: Stagnation auf sehr hohem Niveau, so Kantner. Österreich sei in dieser Runde nicht das wachstumsschwächste Land, aber schon von Deutschland trennen uns 0,2 Prozentpunkte.

Wirtschaftslokomotive USA?

Wenig überraschend sei, dass die Welt-Konjunkturlokomotive USA in zwei aufeinanderfolgenden Jahren zweistellige Rückgänge bei den Insolvenzzahlen verzeichnen kann. Die offensive Wirtschaftspolitik der Regierung, gepaart mit beherzten, zuweilen sehr schmerzhaften Maßnahmen (hunderte Bankinstitute wurden im Gefolge der Krise 2008 insolvent) konnte der Wirtschaft den nötigen Aufwind geben.

Jedoch sind die USA der mit Abstand größte Schuldner der Welt – wobei nicht nur der Staat, sondern auch seine Bürger Nettoschuldner sind, und das mehrheitlich im Ausland.

Diese Form des kreditfinanzierten Wachstums droht irgendwann an einen Plafond zu stoßen. Es sei in besonderem Maße eine Frage des Vertrauens in die Kraft und Dynamik der amerikanischen Wirtschaft, die hinter diesen Kreditvolumina steht, so Kantner.

Link: KSV1870

 

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