Interview: Linde und die Veränderungen durch die Corona-Krise

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Fachverlage. Die Coronavirus-Krise hat erhebliche Auswirkungen auf Anbieter von Rechts- und Steuerinformationen: Im Interview sehen Linde-Geschäftsführer Klaus Kornherr und Marketingleiter Daniel Wagner Probleme und Chancen.

Extrajournal.Net: Die Covid-19-Pandemie hat die Welt in einen Ausnahmezustand versetzt. Österreich hat früh harte Maßnahmen ergriffen und damit neben dem Virus auch die Wirtschaft stark gebremst. Wie hat der Fachverlag Linde die Ausgangsbeschränkungen erlebt – und wie hat sich dieses Ereignis auf Ihre verschiedenen Märkte und Produkte ausgewirkt?

Klaus Kornherr: Wir haben sehr rasch auf die Krise reagiert und allen, die plötzlich im Homeoffice waren unsere Datenbank Linde Digital temporär kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Zulauf war enorm und die positiven und dankbaren Rückmeldungen haben uns natürlich beflügelt.

Für Studentinnen und Studenten, die mit dem eigenen Uni-Account über die angeschlossenen Universitäts-Bibliotheken gratis Zugang zur Plattform haben, hat es diese Möglichkeit bereits vor der Krise gegeben, aber durch die veränderte Situation war es wichtig, dieses Angebot noch einmal verstärkt und gezielt zu kommunizieren.

„Buchstäblich die letzten Laptops in Wien aufgekauft“

Den Verlagsbetrieb haben wir zum Großteil auf Homeoffice umgestellt, was nahezu reibungslos geklappt hat, aber uns ad hoc vor große Herausforderungen gestellt hat, da wir die buchstäblich letzten Laptops in Wien aufgekauft haben, um fast allen Mitarbeitern die Möglichkeit zum Homeoffice zu geben.

Wichtig war uns, dass der reibungslose und kostenlose Versand der Buchbestellungen über unseren Webshop weiterhin sichergestellt war und am Anfang der Krise hatten wir durchaus Probleme damit, dass Unternehmen und öffentliche Institutionen, die Hals über Kopf ins Homeoffice gegangen sind, ihre Poststellen nicht besetzt hatten und wir mit vielen Retouren der Zustelldienste zu kämpfen hatten.

Ein großes Thema war hier natürlich auch die Schließung von vielen Buchhandlungen, die wir erstmal nicht weiter beliefern konnten, während andere auch geschlossen waren aber Lieferungen selbstverständlich entgegengenommen haben, um wiederum ihre Kunden beliefern zu können.

Eine große Änderung in der Außenkommunikation war die komplette Umstellung auf digitale Kommunikation in der Kundenansprache. Die bestehenden Kanäle wir Newsletter, Social Media, Webshop und Linde Media sind dadurch stärker ins Zentrum des Geschehens gerückt, Printwerbungen per Post eher in den Hintergrund.

Welche Veränderung war die bedeutsamste?

Kornherr: Die größte Veränderung hat sicher in unserem Veranstaltungssegment stattgefunden. Aufgrund der gesetzlichen Restriktionen mussten wir alle Linde Campus Präsenzveranstaltungen bis 30.6.2020 absagen und, wo es ging auf Webinare und Livestreams umstellen.

Sehr erfreulich waren dreistellige Teilnehmerzahlen bei Seminaren zu Covid-19 und Kurzarbeit. Da kam es uns sehr zugute, dass wir schon viel Erfahrung mit Webinaren hatten und technisch alles bereit war. Zusätzlich zu den bereits geplanten Webinaren haben wir gemeinsam mit unseren Referentinnen und Referenten eine ganze Menge an neuen und kurzfristigen Webinaren rund um Covid-19 entwickelt, vor allem im Arbeitsrecht, Steuerrecht, Baurecht, Handelsrecht uvm. Dazu haben wir einen speziellen Online-Schwerpunkt.

Ein weiterer Meilenstein, der im Zuge der neuen Rahmenbedingungen entstanden ist, ist unsere Covid-19 Infoseite lindemedia.at/covid-19: Auf dieser neuen Infoseite liefern Expertinnen und Experten Arbeitshilfen in Form von Beiträgen, Interviews, Webinaren und verlässliche Informationen für Unternehmen zu den Maßnahmen und Auswirkungen betreffend Covid-19, insbesondere im Arbeitsrecht, Sozialversicherungs- und Lohnsteuerrecht, in der Personalverrechnung, im Zivil- und Gesellschaftsrecht sowie Bau-, Immobilien- und Vergaberecht.

Was können Marketing und Verkauf tun, wenn man mit einer Situation wie einem plötzlichen Coronavirus-Lockdown konfrontiert ist?

Daniel Wagner: Es kommt auf Flexibilität und individuelle Lösungen an. Man muss in der Lage sein, geplante Dinge on hold zu stellen und schnell Lösungen für die tagesaktuellen Probleme bereit zu stellen. Rasches Reagieren und ein besonders sensibler Umgang in der Werbung ist wichtig.

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Daniel Wagner ©Louai Abdul Fattah

Die Produkte müssen zu den Bedürfnissen passen, unsensible Werbung und unpassende Produkte können gerade in Krisenzeiten besonders stark wahrgenommen werden und für Widerstand sorgen. Zudem müssen schnell neue Produkte entwickelt werden, auch hier ist Kreativität gefragt und der Mut, Neues auszuprobieren und je nach der weiteren Entwicklung an den Markt anzupassen. Gute Beispiele hierfür sind der digitale Kodex Corona-Gesetze und die Linde Media Covid-19 Infoseite.

„Newsletter, Online, Social Media rücken in den Mittelpunkt“

Der Kommunikationsfokus im Marketing liegt vor allem auf den digitalen Kommunikationswegen, die uns zur Verfügung stehen: Newsletter, Online Werbung, Social Media etc. rücken in den Mittelpunkt der Kampagnen. Im Vertrieb ist es sicher wichtig, den persönlichen „Draht“ zu den Kundinnen und Kunden, der bislang über persönliche Treffen stattgefunden hat, auch über Telefon und E-Mails aufrecht zu erhalten.

Kann man abschätzen, wie stark die Fachverlage unter der Krise zu leiden haben werden?

Kornherr: Am meisten leidet natürlich der Seminarbereich. Linde Campus hat traditionell zwischen März und Juni sehr umsatzstarke Konferenzen und Lehrgänge, die krisenbedingt ausfallen müssen/mussten. Der Buchverkauf war im stationären Handel für einige Wochen nicht möglich und ob die Wirtschaftskrise einen Sparkurs der Unternehmen nach sich zieht, der sich auf die Weiterbildung und die Literaturbeschaffung durchschlägt, können wir natürlich noch nicht sagen. Vieles wird davon abhängen, wie die Krise weiterverläuft, da ist es für seriöse Prognosen einfach noch zu früh.

Generell ist im Bereich Recht, Wirtschaft, Steuer (RWS) aber davon auszugehen, dass nach der Krise alle neuen Gesetze und Verordnungen der Aufarbeitung und Kommentierung bedürfen und unsere Zielgruppen weiterhin praxisgerecht aufbereitete Fachinformationen und Angebote für ihre tägliche Arbeitspraxis benötigen.

Die Maßnahmen werden jetzt wieder gelockert, doch mit zeitweisen Verschärfungen ist prinzipiell weiterhin zu rechnen. Erholt sich das Geschäft der Verlage jetzt wieder? Wird es bleibende, längerfristige Auswirkungen geben?

Wagner: Das Geschäft der Fachverlage wird sich wohl stabilisieren, da Fachinformationen gerade in und nach Krisenzeiten besonders gefragt sind. Längerfristig werden neue Arbeitsmethoden auch in den Arbeitsalltag der Verlage Einzug halten und zu Veränderungen in der täglichen Arbeitspraxis führen. Das E-Learning-Segment wird weiterwachsen.

Eine Chance bietet die Krise für die digitalen Produkte, die nun bei den Unternehmen stärker in den Fokus gerückt sind. Hier arbeiten wir an weiteren Ideen, die die Bedürfnisse der Zielgruppen abdecken und die wir in den kommenden Monaten auf den Markt bringen werden.

Die Gesprächspartner

  • Mag. Klaus Kornherr, Geschäftsführer Linde Verlag
  • Mag. Daniel Wagner, MBA, Akad. M&S WU, Leitung Marketing & Innovation Linde Verlag

Link: Linde Verlag

 

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