18. Nov 2022   Business Finanz Recht

Zinswende und Versicherer: Rückkehr des Champions?

Helmut Ettl ©FMA

Assekuranzen. Österreichs Versicherer sind laut FMA in einer „ambivalenten“ Lage: Die Krisen belasten das Portfolio, doch die Zinswende könnte einen fast vergessenen Ertragsbringer neu erstarken lassen: Die Lebensversicherung.

Grundsätzlich ist die Entwicklung des österreichischen Versicherungsmarktes im Jahr 2022 geprägt durch die massiven wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges, den Russland gegen sein Nachbarland Ukraine führt, heißt es in einer Aussendung der Finanzmarktaufsicht FMA zur Versicherungsbranche: Inflationsschub, extrem volatile Kapitalmärkte, Eintrübung der Konjunktur bis hin zu Rezessionsängsten und die abrupte Zinswende haben massive Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft.

Das Kapital wird weniger, doch die Einnahmen sprudeln

Der heute veröffentlichte „Bericht der FMA 2022 zur Lage der Versicherungswirtschaft“ zeigt den Zweispalt deutlich:

  • Demnach ist allein zwischen 1. Jänner und 30. Juli heurigen Jahres insbesondere wegen massiver Verluste auf den Kapitalmärkten das verwaltete Vermögen der Versicherungsunternehmen um neun Prozent auf rund € 125 Mrd. geschrumpft.
  • Die Kurse vieler Aktien im Besitz der Versicherer sind massiv gefallen, auch das niedrigverzinste Anleiheportfolio büßte angesichts steigender Zinsen signifikant an Wert ein.
  • Im gleichen Zeitraum sind die Prämieneinnahmen aber um rund sieben Prozent gestiegen.

„Schwierige Zeiten, aber stabil aufgestellte Versicherer“

„Unsichere Zeiten hinterlassen nicht nur tiefe Spuren bei den Finanz- und Kapitalanlagen der Assekuranzen, sie erhöhen gleichzeitig auch das Bedürfnis nach Sicherheit und damit Versicherungsschutz merklich. Die steigenden Zinsen drücken zwar einerseits die Kurswerte des bestehenden Anleiheportfolios, sie attraktivieren aber gleichzeitig wieder das Geschäft mit den Lebensversicherungen als Anlageprodukt, dass sehr zinssensibel ist“, schildern die FMA-Vorstände Helmut Ettl und Eduard Müller, die Ambivalenz der aktuellen Entwicklungen.

Konkret hat die Lebensversicherung (LV) noch bis vor wenig mehr als einem Jahrzehnt für jährliche Prämieneinnahmen von mehr als 7,5 Milliarden Euro gesorgt. Dagegen steuerte sie im 1. Halbjahr 2022 nur noch rund 2,84 Mrd. Euro zu den insgesamt 11,38 Mrd. Euro Prämieneinnahmen der österreichischen Versicherer bei – wenn auch bereits wieder mit leicht ansteigender Tendenz (plus 4,02% vgl. mit der Vorjahresperiode). Entsprechend spannend wäre eine Trendwende für die Branche – allen voran die LV-Marktführer Vienna Insurance Group (VIG), Uniqa, Generali, Ergo und Allianz. Allerdings birgt die aktuelle Entwicklung auch Risikofaktoren: So könnte ein zinsbedingter Storno bei Altverträgen eintreten, da die Attraktivität anderer Anlageformen steigt, heißt es beispielsweise im FMA-Bericht.

Die österreichische Versicherungswirtschaft sei in diesen schwierigen Zeiten jedenfalls gut kapitalisiert, so der FMA-Vorstand: Zwei Drittel der Versicherungsunternehmen weisen einen Solvabilitätsgrad von über 200% aus. Das heißt, sie verfügen über doppelt so hohe Eigenmittel, um etwaige negative Entwicklungen zu kompensieren, als regulatorisch vorgeschrieben, so die FMA.

„Gefahr der Unterversicherung vermeiden“

Die FMA warnt die Versicherungsnehmer auch vor einer Gefahr, die hohe Inflationsraten mit sich bringen, aber oft erst im Schadensfall schmerzlich sichtbar werden: Unterversicherung, also nicht ausreichende Schadenabdeckung bei schon länger bestehenden Verträgen. Die FMA empfiehlt daher, insbesondere in Zeiten hoher Inflation die Verträge von Zeit zu Zeit hinsichtlich einer notwendigen Anpassung des Umfangs der Versicherungsleistung zu überprüfen.

Bei der Nachhaltigkeit gibt es Fortschritte

Als riesiger institutioneller Investor könnte die Versicherungswirtschaft ein wichtiger Player beim Umbau des europäischen Wirtschaftsmodelles hin zu mehr Nachhaltigkeit sein. Und laut FMA ist sie das, was Österreich betrifft, auch tatsächlich: Die Analyse der Geschäftsmodelle habe gezeigt, dass alle Versicherungsunternehmen bereits Strategien implementiert haben, um ihre Geschäftspolitik nach ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien auszurichten, den sogenannten ESG-Faktoren (Environment, Social, Governance).

Der von der FMA durchgeführte Klima-Stresstest attestiere ihnen auch eine überdurchschnittlich hohe Resilienz in Bezug auf Nachhaltigkeitsrisiken. Der klimarelevante Anteil an den Vermögenswerten der Versicherungsunternehmen macht demnach aktuell in etwa ein Fünftel des Gesamtportfolios aus.

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