14. Okt 2020   Business Finanz

Rekord-Quartal auf dem IPO-Markt

Gerhard Schwartz ©EY Österreich / Michael Kobler

Studie. Das weltweite Emissionsvolumen stieg im dritten Quartal 2020 auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. Der stärkste Anstieg war in den USA und China.

Nach einem schwachen ersten Halbjahr scheint nun der weltweite IPO-Markt zu boomen: Die Börsen weltweit verzeichneten in den vergangenen drei Monaten mit 447 Börsengängen und einem Emissionsvolumen von insgesamt 95,0 Milliarden US-Dollar das stärkste dritte Quartal seit 20 Jahren.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg die Zahl der IPOs um 78 Prozent, das Emissionsvolumen hat sich sogar mehr als verdoppelt (plus 138 %), so eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens EY.

Besonders stark sollen sich der US-Markt und China entwickelt haben:

  • In China einschließlich Hong Kong wuchs das Emissionsvolumen um 139 Prozent auf 46,4 Milliarden US-Dollar, die Zahl der Transaktionen kletterte von 86 auf 217 – ein Anstieg um 152 Prozent.
  • In den USA hat sich die Zahl der IPOs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 38 auf 85 mehr als verdoppelt, das Emissionsvolumen hat sich von 11,7 auf 33,1 Milliarden US-Dollar sogar fast verdreifacht.

„In diesem Jahr ist alles anders“, so Gerhard Schwartz, Partner und Leiter des Assurance-Bereichs bei EY Österreich. „Ausgerechnet das traditionell schwache dritte Quartal erweist sich nun als das stärkste des bisherigen Jahresverlaufs.“

Auch Anstieg in Europa

Auch in Europa stieg die Zahl der Börsengänge – allerdings weniger stark als in den anderen wichtigen IPO-Märkten:

  • Das Emissionsvolumen kletterte um 51 Prozent auf 6,2 Milliarden US-Dollar,
  • die Zahl der IPOs wuchs um 56 Prozent auf 39.

Angetrieben wurde das weltweite IPO-Geschehen von großen und prominenten Transaktionen in der Technologie- und der Gesundheits-Branche: 38 Prozent des weltweiten Emissionsvolumens – das entspricht 36 Milliarden US-Dollar – entfielen auf Technologie-Börsengänge, 18 Prozent (17 Milliarden US-Dollar) auf Healthcare-Unternehmen.

Die weltweit größte Transaktion im dritten Quartal war der Börsengang des chinesischen Chip-Herstellers Semiconductor Manufacturing International, der 7,5 Milliarden US-Dollar einbrachte, gefolgt vom US-Software-Unternehmen Snowflake (3,9 Milliarden US-Dollar) und dem chinesischen Immobilienunternehmen KE Holdings (2,4 Milliarden US-Dollar).

Nur einer der Top-10-Börsengänge fand in Europa statt: Die britische The Hut Group, ein E-Commerce-Anbieter, erlöste bei ihrem IPO insgesamt 2,4 Milliarden US-Dollar. „Die Corona-Krise verstärkt den Digitalisierungstrend – gerade Unternehmen, deren Geschäftsmodelle einen Bezug zur digitalen Transformation der Wirtschaft haben, sind derzeit besonders gefragt und können eine überzeugende Equity Story vorweisen“, so Schwartz.

Chancen und zunehmende Risiken

Für eine Jahresendrally auf dem weltweiten IPO-Markt sprechen nach Schwartz Einschätzung das positive Momentum aus dem dritten Quartal, die hohe Liquidität im Markt und das hohe Bewertungsniveau – verbunden mit einer relativ niedrigen Volatilität. Zudem gebe es weiterhin auf Investorenseite einen erheblichen Anlagedruck.

Andererseits sieht Schwartz auch Risiken: „Das vierte Quartal und der Beginn des kommenden Jahres werden auch geprägt sein von den Risiken potenziell steigender Covid-19-Infektionszahlen und von den anhaltenden Spannungen zwischen China und den USA. Hinzu kommen als Unsicherheitsfaktoren der Brexit und die bevorstehenden US-Wahlen.“

Wenn die Volatilität wieder steige, müssen Börsenkandidaten sich darauf einstellen, dass das IPO-Fenster sich schnell öffne und wieder schließe, mahnt Schwartz. “Die Planung eines Börsengangs ist in diesen Zeiten eine echte Herausforderung. Umso wichtiger ist es, flexibel zu sein und immer auch einen Finanzierungsplan B oder einen alternativen Weg an die Börse in der Schublade zu haben.“

Zwei Kapitalerhöhungen in Österreich

Aktienseitig holten sich 2020 bislang zwei Unternehmen frisches Kapital an der Wiener Börse: Es gab Kapitalerhöhungen bei Immofinanz AG (171,6 Mio. EUR) und S Immo AG (148,9 Mio. EUR).

Bei den Anleihen steuert die Wiener Börse auf ein Rekordjahr zu: Per Ende September sind bereits mehr als 1.900 Anleihen mit einem Gesamtvolumen von rund 112 Milliarden EUR gelistet. 78 Prozent der Anleihen wurden von ausländischen Emittenten begeben. Damit avanciere Wien zu einem der schnellst wachsenden Börsenplätze für Anleihen-Emittenten in Europa, so Schwartz.

 

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