Aufsichtsräte ziehen Lehre aus der Corona-Krise

Alfred Gusenbauer, Susanne Kalss, Herbert Ortner ©Aufsichtsratstag 2021 / Cochic Photography

Wien. Mit rund 300 Teilnehmern wurden beim 11. Österreichischen Aufsichtsratstag an der WU Wien die Lehren aus dem Krisenjahr 2020 diskutiert.

Die Initiatoren Susanne Kalss, WU-Professorin und Leiterin des Instituts für Unternehmensrecht, und Werner H. Hoffmann, Leiter des WU-Instituts für Strategisches Management, holten für den 11. Österreichischen Aufsichtsratstag an der WU Wien mehrere bekannte Speaker an Bord, u.a.:

Aufsichtsräte durch Pandemie gefordert

2020 sei für viele Führungsgremien unternehmerisch und strategisch ein sehr herausforderndes Jahr gewesen, wenngleich auch einige Negativbeispiele wie der Commerzialbank- oder der Wirecard-Skandal die Schlagzeilen rund um die Aufsichtsratsarbeit geprägt haben: „Gerade diese Bespiele zeigen die Notwendigkeit eines fachlich gut und ausgewogen zusammengesetzten Aufsichtsrats. Ganz entscheidend ist aber die Unabhängigkeit vom Vorstand und Eigenständigkeit der Entscheidungsfindung in diesem Gremium. Nur so kann ein Aufsichtsrat in Zukunft die durchaus hohen Anforderungen, die die Judikatur an die Sorgfaltspflicht des Aufsichtsrats stellt, erfüllen“, so Susanne Kalss.

Zeitgleich habe das Jahr 2020 auch die Grundlage für einige Neuerungen im Aufsichtsratsrecht gelegt, darunter die Möglichkeit einer virtuellen Versammlung und Beschlussfassung. Damit gehen aber auch zahlreiche Rechts- und Machtfragen einher, so Kalss.

Der seit dem letzten Jahr – zumindest für börsennotierte Unternehmen ­– verpflichtende Vergütungsbericht habe außerdem auch einen „völligen Kulturwandel für die österreichische Unternehmenspraxis“ gebracht, so die WU-Professorin.

Frauenanteil im Aufsichtsrat verdoppelt

„Der Aufsichtsratstag verdeutlicht, dass die Aufsichtsratsarbeit in den letzten Jahren noch fordernder, aber auch professioneller geworden ist. Diversität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit stellen aktuelle Herausforderungen dar, deren Bewältigung den Weg zu einer wirksamen Unternehmensaufsicht weist“, resümierte Werner H. Hoffmann.

Hoffmann und Thomas Maidorfer von der WU Wien präsentierten Studienergebnisse zur aktuellen Situation der Aufsichtsratsarbeit in Österreich: So sei die Zusammensetzung des Aufsichtsrats „diverser und anforderungsgerechter“ geworden, heißt es. Es habe sich insbesondere der durchschnittliche Frauenanteil im Gremium in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Auch das Thema Nachhaltigkeit sei stärker in der Unternehmensstrategie verankert und zu einer relevanten Komponente der Aufsichtsratsarbeit geworden. Ebenso sei die Einbindung in die Strategiearbeit in den letzten Jahren intensiviert worden und zunehmend werden neue Formate für die Strategiediskussion zwischen Vorstand und Aufsichtsrat genutzt. Demgegenüber stehe eine Vergütung der Aufsichtsratstätigkeit, die im internationalen Vergleich noch immer gering ausfällt, so die Studienautoren.

Georg Kopetz, CEO von TTTech, strich zudem Diversität als Schlüsselkriterium für erfolgreiche Unternehmen heraus. Wettbewerbsfähigkeit müsse breiter gedacht werden, so Kopetz. Er plädierte dafür, Gremien ethnisch, religiös und kulturell divers zu besetzen. Das gelte auch für den Faktor Gender.

Die dadurch entstehende Perspektivenvielfalt wirke sich auf die unternehmerische Performance aus, erläuterte er. Der Aufsichtsrat leiste daher schon in der Bestellung einen entscheidenden Beitrag, Unternehmen zukunftsorientiert aufzustellen und wettbewerbsfähiger zu machen.

Chancen und Risiken

Wie der Aufsichtsrat die digitale Transformation effizient begleiten kann und wie sich dadurch die Zusammenarbeit mit dem Vorstand verändert, dazu referierten und diskutierten Georg Pölzl, Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor der Österreichischen Post, und Edith Hlawati, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Österreichischen Post und Partner bei der Wirtschaftskanzlei Cerha Hempel.

Der Aufsichtsrat müsse in schwierigen Zeiten Aufsicht und Rat geben, Prozesse aktiv begleiten, Risiken frühzeitig erkennen und Chancen fördern, so die beiden Vortragenden. Gerade bei der Post habe sich das Geschäftsmodell durch die Corona-Pandemie verändert – vom Brief- zum Paketgeschäft. Um hier zu reüssieren, sei auch das Zusammenspiel von Aufsichtsrat und Vorstand essenziell.

Offene und transparente Kommunikation, die Zusammensetzung und Kompetenz der Gremien, regelmäßiger Austausch und Interaktion sowie der Fokus auf effiziente Entscheidungsfindung und große Linien seien wichtig für ein erfolgreiches Miteinander, so Pölzl und Hlawati.

In Strategie und Planung involviert

Alfred Gusenbauer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Strabag SE, Signa Prime und Signa Development AG, diskutierte darüber welche Wirkungsmacht und Gestaltungsmöglichkeiten der Aufsichtsratsvorsitzende in international tätigen Unternehmen tatsächlich besitzt. Engagierte und gute Aufsichtsräte seien in den letzten drei bis vier Jahren bedeutend einflussreicher und wichtiger als in der Vergangenheit geworden, so sein Resümee.

Gusenbauer ging in der Diskussion vor allem auf die Rolle Europas in der globalen Welt ein. Sein Befund: Europa brauche eine Krise, um zu handeln – und meistere sie mit pragmatischen Lösungen. Dennoch: Relevante Technologien und Innovationen stammen zumeist aus den USA, es sei daher schon lange angebracht, das Gewicht Europas im internationalen Umfeld zu stärken.

Begleitfunktion in volatilen Phasen

Schließlich präsentierten Anette Klinger, Geschäftsführung IFN Beteiligungs GmbH (Internorm), Herbert Ortner, Vorstandsmitglied B&C Privatstiftung, und Herbert Kasser, Sektionsschef und Generalsekretär im BMK, ihre Meinungen, was Unternehmen für die nächsten zehn Jahre stark macht und wie der Aufsichtsrat hier einzubinden sei.

Ortner verwies auf das Planen von Szenarien, um Unternehmen in einem volatilen Umfeld fit für die Zukunft zu machen. Unerlässlich sei dabei, den Aufsichtsrat mit erfahrenen und kompetenten Experten zu besetzen. Nur so werde das Organ zu einem anerkannten Gesprächspartner, so Ortner.

 

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