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Finanzmärkte: „Tapas löst jetzt Tina ab“

Christoph Schenk, Hermann Wonnebauer, Silvia Richter, Christian Nemeth ©Zürcher Kantonalbank Österreich AG

Wien. Aus Anlegersicht war 2022 ernüchternd – doch 2023 zeigt sich Licht am Ende des Tunnels, so die Zürcher Kantonalbank Österreich. Langeweile werde nicht aufkommen, es herrscht „TAPAS“.

Nach einem aus Anlegersicht quer über alle Assetklassen ernüchternden Vorjahr ist 2023 endlich wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. So lautete die Einschätzung der Zürcher Kantonalbank Österreich AG bei der Jahresauftaktveranstaltung der Privatbank am 17. Jänner im Wiener Hotel Park Hyatt. Die Inflation sinkt allmählich, auch weil die Notenbanken noch einmal versuchen, diese mit aller Kraft nach unten zu drücken. Im zweiten Halbjahr könnten dann die zu erwartende Zinserhöhungspause der Notenbanken und die Rückkehr vieler Volkswirtschaften aus der Rezession für Auftrieb und einen deutlich niedrigeren Puls bei Anlegern sorgen, heißt es.

Besser, aber weiterhin spannend

„Das erste Halbjahr 2023 wird eindeutig noch durch Volatilität gekennzeichnet sein. Die Sichtweite ist weiterhin eingeschränkt, denn die Zinserhöhungen gehen weiter, wenn auch mit niedrigem Tempo. Die Notenbanken sind noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit“, so Christian Nemeth, Chief Investment Officer und Vorstandsmitglied der Zürcher Kantonalbank Österreich.

Für Anleger bedeute das aktuelle Umfeld, sich „noch ein wenig in Geduld zu üben, die Strategie beizubehalten und sich später für die eigene Disziplin zu belohnen. Langfristig gesehen, zahlt sich Geduld bei der Geldanlage immer aus. Denn wer zu ungeduldig ist, verpasst meistens den Wiederaufschwung“, meint Silvia Richter, Direktorin Private Banking, Leitung Wien.

Das Vermächtnis der „4 Ds“

Die Inflation wird zurückgehen, erwartet die Zürcher – die Hauptgründe hierfür sieht man in der Notenbankpolitik, aber auch den sich auflösenden Lieferkettenproblemen und Basiseffekten. „Eines ist jedoch klar: Aufgrund langfristig wirkender struktureller Faktoren wird die Inflation nicht auf das niedrige Niveau der letzten Jahre zurückfallen“, so Nemeth.

Die zunehmende Deglobalisierung, die von den Versorgungsengpässen in der Pandemie, dem Krieg in der Ukraine und dem Handelskonflikt zwischen den USA und China befeuert wurde, verteuere u.a. den Güter- und Dienstleistungsverkehr. Die Dekarbonisierung führe zu höheren Ausgaben bei Energiealternativen und dem Infrastrukturaufbau. Und der Ukraine-Krieg hat einen langfristigen Effekt, der vielen noch nicht bewusst ist: Die Verteidigungsausgaben (Defense) erhöhen sich als Reaktion auf den Krieg nämlich in vielen Ländern. Die darin begründeten Investitionen lassen die Preise von Kapitalgütern steigen, so die Zürcher.

Die Demografie spiele der strukturellen Inflation ebenfalls in die Karten, da die Lohn-Preis-Spirale angetrieben wird. Es fehle an qualifiziertem Personal, um große Projekte wie u.a. die Energiewende zu stemmen. Diese vier Faktoren – Deglobalisierung, Dekarbonisierung, Defense, Demografie – tragen zur strukturellen Inflation bei.

Positive Effekte im zweiten Halbjahr

Unabhängig davon sieht der Finanzausblick für das zweite Halbjahr 2023 laut Nemeth deutlich besser aus: „Viele Volkswirtschaften – vor allem Europa und Großbritannien – sollten dann aus der milden Rezession kommen. Die USA liegen im Konjunkturzyklus etwas zurück, der weltgrößten Volkswirtschaft könnte noch eine holprige Phase und schlimmstenfalls ebenfalls eine Rezession bevorstehen. Die Notenbanken werden nach letzten Zinsschritten vermutlich eine Pause einlegen, bevor sie dann 2024 erste Zinssenkungen vornehmen könnten. Diese positiven Effekte sollten im zweiten Halbjahr bei den meisten Assetklassen für Unterstützung sorgen.“

Zwei Themen, die 2022 geprägt haben, sind der Ukraine-Krieg und die damit in Verbindung stehende Energiekrise. So schlimm der Krieg in menschlicher Hinsicht ist, seien aktuell keine großen globalen Auswirkungen zu erwarten. „Wie auch andere bestehende Konflikte ist der Ukraine-Krieg zu einem gewissen Grad von den Finanzmärkten eingepreist und sorgt nicht mehr so schnell für kursrelevante Überraschungen“, so Nemeth.

Die Energiepreiskrise wurde stark von bestehenden Ängsten geschürt. Sie habe keine globale Tragweite, die Abhängigkeit von russischem Gas sei ein europäisches Problem – und zwar eines mit großen regionalen Unterschieden. Die europäischen Länder westlich von Deutschland sind dank Offshore-Lösungen, Atomkraft oder Flüssiggasterminals wesentlich unabhängiger. Und den USA ist es gelungen, die Lehren aus früheren Auswirkungen von Energiekrisen (Ölpreisschocks 1973/74 und 1979/80) zu ziehen – sie haben seitdem auf diesem Gebiet eine starke Stellung mit großer Unabhängigkeit erzielt.

Die Rückkehr der Anleihen

Anleihen sind nach dem letztjährigen enormen Renditeanstieg wieder attraktiv, meint die Zürcher: Die Zeiten von massenhaft negativen Renditen sind vorbei, mittlerweile haben die Anleiherenditen bereits wieder die Dividendenrenditen von Aktien überholt. „Die wichtigste Botschaft angesichts der bestehenden Inflation ist: Nicht nur die Nominalrenditen, sondern auch die langfristigen Realrenditen von Anleihen kommen wieder in den positiven Bereich“, so Nemeth.

Auch auf der Aktienseite bestehe Grund zum Optimismus, niedrige Bewertungen wie etwa in Europa machen einen Einstieg attraktiv. Die Zürcher Kantonalbank Österreich ist laut Nemeth derzeit bei Aktien neutral positioniert, wobei Europa auch aufgrund der niedrigen Bewertungen übergewichtet ist, und die USA untergewichtet werden.

TINA wird von TAPAS abgelöst

„Zum Asset-Mix ist zu sagen, dass das lange Zeit gültige Tina-Prinzip (There is no alternative) mit starkem Fokus auf Aktien sein vorläufiges Ablaufdatum erreicht hat, das neue Motto heißt Tapas (There are plenty of alternatives). Eine gute Diversifizierung hilft, der vor allem im ersten Halbjahr 2023 noch zu erwartenden anhaltenden Volatilität zu begegnen“, so Christian Nemeth.

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