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Wenn Steuerhinterziehung in der Familie liegt

Jörg Paetzold ©Aurelia Schwarzmann

Forschung. Jörg Paetzold von der Uni Salzburg zeigt anhand der Pendlerpauschale, dass Steuerhinterziehung von einer Generation auf die nächste „vererbt“ werden kann. Sie ist bei den Kindern sogar noch schlimmer, so der Forscher.

Steuerhinterziehung liegt (auch) in der Familie, betitelt die Universität ihre Aussendung zum Thema: Der Wirtschaftswissenschaftler Jörg Paetzold von der Paris Lodron Universität Salzburg hat demnach in einer empirischen Studie am Beispiel der Pendlerpauschale in Österreich gezeigt, dass Steuerhinterziehung von einer Generation auf die nächste „vererbt“ wird.

Die Erkenntnis lautet konkret: Hat ein Elternteil in der Vergangenheit bei den Pendlersteuerfreibeträgen geschummelt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies auch die Kinder im späteren Leben tun, um 23 Prozent erhöht. Für die Studie, die Jörg Paetzold mit Kollegen durchgeführt hat, wurde er jetzt mit dem Kurt Zopf Förderpreis der Uni Salzburg ausgezeichnet (Wolfgang Frimmel, Martin Halla, Jörg Paetzold: „Die generationsübergreifende kausale Wirkung von Steuerhinterziehung. Nachweise aus der Pendlerpauschale in Österreich“ / „The Intergenerational Causal Effect of Tax Evasion: Evidence from the Commuter Tax Allowance in Austria“, Journal of the European Economic Association, 2019).

Das Problem und die Studie

Je nach Pendlerstrecke haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich einen Anspruch auf die Pendlerpauschale. Dieser Zuschlag (genauer gesagt ist es ein Steuer-Abzugsbetrag) ist als Stufenfunktion der Entfernung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz ausgelegt, er erhöht sich deutlich mit der jeweils nächsthöheren Stufe (Stufe 1: von 2 bis 20 km, Stufe 2: von 20 bis 40 km, Stufe 3: von 40 bis 60 km, Stufe 4: mehr als 60 km Arbeitsweg).

Da die Schwellen nicht streng kontrolliert werden, geben etliche Steuerzahler eine höhere Stufe an und machen so eine größere Pendlerpauschale geltend als ihnen zugestanden hätte. Doch warum hinterziehen die einen ihre Steuern, während andere sie ehrlich bezahlen? Liegt Steuerhinterziehung in der Familie? Gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Steuerschummelei der Väter und ihren Kindern?

Um diese Frage zu beantworten, untersuchte Paetzold, assoziierter Professor am Fachbereich für Volkswirtschaftslehre der Paris Lodron Universität Salzburg gemeinsam mit den Ökonomen Wolfgang Frimmel und Martin Halla den Fall der Pendlerpauschale in Österreich und konnte so Steuerhinterziehung innerhalb von Familien über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg beobachten, heißt es.

„Bis vor Kurzem war die Debatte über die Steuermoral von Menschen größtenteils theoretisch. In den letzten Jahren ermöglichte jedoch die Verfügbarkeit von Big Data in Kombination mit innovativen Forschungsmethoden es Wissenschaftlern, einige ihrer theoretischen Annahmen über die menschliche Motivation in Bezug auf Steuerehrlichkeit empirisch zu testen“, erklärt Paetzold. Anhand von anonymisierten Steuerdaten und geocodierten Informationen über den Standort von Steuerzahlern konnten die Forscher die tatsächliche Pendlerstrecke mit der Entfernung vergleichen, die die Steuerzahler in ihren Steuererklärungen angaben.

Insgesamt wurden 15.000 Vater-Kind-Paare unter die Lupe genommen. Die Väter waren im Schnitt 47 Jahre alt, die Kinder 24 Jahre. Konkret verglichen wurden die Anträge, die die Väter auf die Pendlerpauschale in der Vergangenheit gestellt hatten, mit dem allerersten Antrag auf die Pendlerpauschale, den die Kinder in ihrem Arbeitsleben stellten.

Rund 30 Prozent schummeln

„Generell stellen wir fest, dass rund 30 Prozent aller Pendlerdistanzen zu hoch angegeben werden. Das Aufwachsen in einer Familie, in der der Vater in der Vergangenheit bei der Pendlerstrecke geschummelt hat, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder im späteren Leben ebenfalls Steuern hinterziehen, um 23 Prozent“, resümiert Paetzold. Doch damit nicht genug, vom Standpunkt des Fiskus aus scheint sich das Problem sogar zu verschärfen: Während die steuerunehrlichen Väter rund 184 Euro zu viel Pendlerpauschale geltend machen, geben die Kindern sie mit durchschnittlich 237 Euro zu hoch an. Kinder scheinen also noch etwas mehr zu betrügen als ihre Väter.

„Darüber hinaus haben wir bezüglich Steuerehrlichkeit keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen gefunden, auch nicht zwischen Österreichern und Ausländern sowie zwischen Akademikern und Nichtakademikern. Tendenziell wird jedoch eher von Angestellten als von Arbeitern eine zu hohe Pendlerpauschale beantragt“, stellt Paetzold fest.

Angesichts der Tatsache, dass jährlich mehr als eine Million Österreicher die Pendlerpauschale erhalten, sei der Grad der Nichteinhaltung nicht zu vernachlässigen, weil er die öffentlichen Haushalte belastet, sagt Paetzold. „Während man argumentieren könnte, dass das Betrügen von Pendlersteuerfreibeträgen ein eher geringes Vergehen ist, betrachte ich die Beweise hier doch als eine einzigartige Gelegenheit, ein umfassendes sozioökonomisches Phänomen zu beobachten: Steuerhinterziehung als kriminelle Aktivität, die sich direkt auf das verfügbare Einkommen auswirkt“, so Paetzold. Die Tatsache, dass eher Gutverdienende Pendlerpauschalen beantragen, erhöhe die Brisanz der Thematik, heißt es: Pendlerfreibeträge werden von Gutverdienern überproportional in Anspruch genommen, was bedeute, dass jede Nichteinhaltung in diesem Zusammenhang erhebliche Auswirkungen auf Umverteilung und Ungleichheit habe.

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